Die alltägliche Blödigkeit

Kennen Sie das auch?

Ab einem bestimmten Alter scheinen die Leute von einem zu erwarten, dass man im Gehirn nachlässt. Was sicherlich auch stimmt. Aber sie schmieren es einem zuweilen in den völlig falschen Momenten aufs Butterbrot.

Es ist nämlich ein Unterschied, ob man, was schon in Vierzigern oder Fünfzigern beginnen kann, einzelner Namen oder Begriffe nicht sofort habhaft wird oder komplexe Zusammenhänge vergisst. Letzteres habe ich noch ganz gut im Griff.

Meine Tochter zum Beispiel erwähnt gerne und m.E. ziemlich oft: „Das hast du mir schon erzählt, Mutti.“ Nachsichtig zwar, aber doch auch mit leichtem Vorwurf, der im Übrigen für sich steht und nicht weiter vertieft wird, dennoch mir vor Augen hält: Ah, jetzt ist es bei dir also auch soweit.

Dabei weiß ich meist sehr wohl, DASS ich das schon irgendwem erzählt habe, merke mir aber im Detail nicht, wem. Oder aber ich will die Fortsetzung von irgendetwas berichten, bin mir aber nicht sicher, ob Kind sich nun gerade diese Unwichtigkeit aus meinem Leben gemerkt hat.

Denn es gibt da ja auch noch diese Art quasi absichtliche Vergesslichkeit. Weil man diese oder jene Geschichte fürs Eigene so ganz und vollkommen für verzichtbar hält. Beispielsweise die regelmäßigen Berichte meiner ehemaligen Kollegin über irgendwelche Menschen aus ihrem Ort, von denen ich nie zuvor hörte und von denen ich höchstwahrscheinlich auch nie wieder hören werde, die – stell dir bloß vor! – diese oder jene Furchtbarkeit gesagt, getan haben.

Ich hatte es noch nie so mit Tratsch. Warum also soll ich mir merken, was fremde Menschen getan und/oder gesagt haben?

Halten Sie das für ignorant?

ICH halte das für eine Art gesunder Geisteshygiene, die übrigens nichts mit dem Alter zu tun hat. Ich tat das schon immer: Vergessen, was nicht wichtig ist. Und räume dabei ein, dass dies – natürlich! – Sachen sind, die für mich(!) nicht wichtig sind, dies für andere sehr wohl sein können.

Aber dass meine Tochter denkt, ich verblöde langsam, finde ich schon ziemlich fies.

Der Lauf der Zeit

Heute hörte ich, dass im Fußballmuseum eine Telefonzelle steht und bereits mehrfach Kinder gefragt hatten, was das denn sei.

Vielleicht, wenn man sie anmalen würde, blau, würden die Kinder denken, dass es sich um die Tardis handelt, die sie vielleicht aus der Serie „Dr.Who“ kennen. Vielleicht aber auch nicht. Ganz sicher aber wäre ihnen nicht klar, dass die Tardis den englischen Polizeinotrufhäuschen nachempfunden ist. Wie sie auch nicht mehr wissen, dass man einst, vor dem PHONE sehr viel kostenintensiver und mit einem Draht daran telefonierte.

Einstmals (als ich selbst noch nicht im Besitz eines Telefons in meiner Wohnung war) beneidete ich die Menschen in den amerikanischen Filmen nicht nur um ihre allzeit bereiten Telefone (ja, sogar um das, das sich Doris Day mit Rock Hudson teilen musste), sondern auch um ihre ellenlangen Leitungen, die es ihnen ermöglichten, mit dem Hörer am Ohr meterweit vom Gerät entfernt zu telefonieren.

Es dauerte noch Jahrzehnte, ehe meinereiner mit einem drahtlosen Hörer in allen Teilen der Wohnung mit Menschen anderswo reden konnte.

Und doch, da wir über Telefonzellen sprechen, erinnere ich intensiv jene Telefonzellen, acht Stück an der Zahl, vor der Hauptpost, zu denen ich nächtens ging, um mit meinem fernen Freund zu telefonieren.

Irgendwann fand ich jene, die mir stundenlange Gespräche ohne jegliches Geld-Nachwerfen ermöglichte, ohne das Ferngespräche ansonsten gar nicht funktionierten.

Wir sprachen so manches verliebte Zeugs, ohne dass ich dafür bezahlen musste, ebendas sagen zu dürfen.

Und mich störte nicht, dass am Boden der Telefonzelle merkwürdige Flüssigkeiten zusammenliefen und unerfreuliche Gerüche nach oben stiegen und die Scheiben mit Dingen befleckt waren, deren Herkunft ich lieber nicht wissen wollte.

Ich war nur froh, sprechen zu können, was und so lange ich wollte.

Bis jener andere vor mir in der Zelle war. Und ihren Wert erkannt hatte. Mein Klopfen und Mahnen, er möge endlich fertig werden, damit auch ich …, ließ ihn kalt. Er verwies mich auf die anderen sieben Zellen, die ebenso stanken und befleckt waren, aber eben kostenpflichtig.

Ab da ging ich nachts nicht mehr in die Stadt. Und irgendwann, denke ich, werden sie den Apparat auch repariert haben.

Und dennoch waren diese schlaflosen Nächte mit stundenlangen Gesprächen meine glücklichsten.

Jedes Mal!

In so einem älteren Leben gibt es ja nicht allzu viele Höhepunkte.

Man freut sich dennoch immermal auf irgendwas und ist enttäuscht, wie jeder andere auch, wenn es nicht eintritt.

Halt bloß, dass in so einem älteren Leben die Vorfreuden seltener werden. 

Weil man so vieles schon erlebt hat. Das vielleicht am Ende doch enttäuschend war. Das dann doch nicht oder mindestens anders eingetreten ist. Das von irgendwas abgeändert wurde und dann doch nicht so erfreulich war.

Ich selbst bin ein bescheidener Mensch. Und ich erwarte nur selten etwas. Und eigentlich sind die Dinge, auf die ich mich freue, sehr einfacher Natur, und die Freude in ihrem Angesicht beruht auf sachlich-wissenschaftlichen Vorausschauen.

Wie zum Beispiel bei diesen Meteoritenschauern, die es regelmäßig gibt.

Z.B. die Leoniden. Im Gegensatz zu den Perseiden, die uns alljährlich im August ereilen, entfalten sich die Leoniden zwar regelmäßig, aber ganz besonders alle 32 Jahre, in denen sie den Schweif des Kometen Dingsbums treffen und dann so richtig losdonnern. Dieses Jahr ist eines von diesen besonderen Jahren.

Ich meine, Sternschnuppen sind prima, werden aber besonders durch die Möglichkeit (manche nennen es Aberglauben!), sich in ihrem Angesicht etwas wünschen zu können. Also wirksam(!) wünschen zu können. Du siehst so ein Ding und hast deinen Wunsch so parat, dass er dir nur so durchs Hirn und/oder über die Lippen flutscht. Denn schnell muss man schon sein. Nur ganz wenige Sternschnuppen sieht man mehr als aus den Augenwinkeln und länger als einen flüchtigen Moment. 

Wenn aber, wie eben bei den Leoniden angekündigt, stündlich irgendwas zwischen 50 und 100 (manche reden sogar von 250) Dingens da herunter kommen, sind die Chancen, da alles richtig zu machen, natürlich ungleich größer.

Und JEDES MAL, wenn ich bereit bin, mir die Nacht um die Ohren zu schlagen, weil ich meine Wünsche nun endlich, endlich erfüllt haben möchte, kommt eine solch mistige Wetterlage dazwischen, die es völlig unmöglich macht, Irgendwas am Himmel zu sehen.

Aber pfeif drauf: Da sind ja noch die Geminiden und Ursiden.

Ich krieg meine Wünsche schon noch an den Mann.

Sicher.

Das Schweigen der Elstern

Seit Jahren wohnt hier in der Nähe ein Elsternpaar, das sich durch die bekannte Eigenschaft auszeichnete, stets sehr viel Lärm zu veranstalten. Schaute der Beobachter nach, was denn nun die Vögel so aufregt, fand man als Erklärung … genau nichts. Elstern waren halt so, laut, und zwar besonders am Morgen im Sommer, wenn man gerne noch ein wenig geschlafen hätte.

Seit einiger Zeit (und damit meine ich nicht erst dieses Jahr) jedoch hört man sie nicht mehr. Fast dachte ich, sie wären umgezogen. Weil spätestens seit Pittiplatsch, Schnatterinchen, Herrn Fuchs und Frau Elster* WEISS man doch, dass Elstern laut sind und unentwegt und meistens grundlos geckern.

Und doch sah ich sie, die nach meiner Erfahrung stets paarweise auftreten, damit sie auch Publikum bzw. einen Ansprechpartner haben, in diesem Jahr häufig in der Nähe. Auf eine merkwürdige Weise still geworden. Sie benahmen sich unauffälliger als beinahe alle anderen Vögel. Und ich verstand nicht, warum.

Inzwischen jedoch erfuhr ich, dass Raben und Elstern sich nicht wirklich gut vertragen. Sie fressen das Gleiche, sind also Konkurrenten, und rauben sich gegenseitig gern die Nester aus.

Da nun seit ungefähr der gleichen Zeit, dass die Elstern schweigsam wurden, sich in unmittelbarer Nähe ein Rabenschwarm in einem abgestorbenen Baum eingenistet hat, schließe ich, dass beides miteinander in Zusammenhang steht.

Tatsächlich tut jener, dessen Feind in der Nähe wohnt, gut daran, nicht allzu sehr auf sich aufmerksam zu machen. Besonders dann nicht, wenn dieser Feind dazu neigt, den eigenen Kindern zu schaden.

Man könnte es an dieser Stelle gut sein lassen mit den tief schürfenden Gedanken, wären da nicht jene Vogeleltern, denen jeder schon im Wald begegnet ist. Sie zeigen sich selten zutraulich, hüpfen auf dem Weg vor einem herum, geben sich gar flügellahm, sind aber nie so schwach, dass man allzu nah an sie heran kommt. Immer sind sie ein paar wenige Meter vor einem, haben es geradezu darauf angelegt, auf sich aufmerksam zu machen. Und fliegen dann, wenn sie einen erfolgreich von ihrem Nest weg geführt haben, auf, als wäre nichts gewesen.


Neulich las ich, dass Lehrer in der Schule (gerne bei den Kleinen) schon einmal altbekannte Kinderbücher beim Vorlesen „entschärfen“, wenn Eltern sich beklagen, dass die Texte zu grausam seien. Egal, ob es sich um die der Grimms oder von Wolkow** handelt.

Nun frage ich mich, welche Eltern ihren Kindern den größeren Gefallen tun. Jene, die in großes Geschrei ausbrechen, um ihre Brut zu schützen, oder die, welche auf die eine oder andere Weise das ihnen als Problem erscheinende Thema unauffällig lösen.

*https://de.wikipedia.org/wiki/Herr_Fuchs_und_Frau_Elster

**https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zauberer_der_Smaragdenstadt

Ich gestehe!

Ich gestehe, dass ich noch nie einen Kalbsbraten gemacht habe. 

Bis in der letzten Woche, in der mir ein prächtiges Exemplar geradezu in die Hände fiel. 

Ja, ich weiß, Fleisch ist böse. Und Kälbchen sind süß. Aber, dachte ich mir, es ist ja eh schon tot. Und bis dahin hatte ich mich nie versündigt.

Über sechs Jahrzehnte meines Lebens war ich zwar nicht frei von jeglicher, aber doch immerhin von dieser Sünde.

Und, eij, verflixt, ich habe es nicht bereut, obgleich es in heutigen Zeiten ja schon eine Sünde ist, den Herd 2 Stunden lang laufen zu lassen. Von den Zutaten gar nicht zu reden.

Ich erinnere mich, dass es in meiner Kindheit an jedem Sonntag einen Braten gab. Meist Schwein, manchmal Rind. Nie Kalb (das war zu selten undoder zu teuer).

Und ich erinnere mich, dass meine Mutter sich diese Bratensache, trotz allseitiger Familienbeteiligung am sonntäglichen Kochen (siehe: wie Thüringer Klöße, handgemacht, eine Vormittag füllende Beschäftigung für die ganze Familei sein können), nie aus der Hand nehmen ließ. Denn der Braten war quasi heilig. Wurde er versaut, war die Zelebrierung des sonntäglichen Essens hinüber. Darauf wollte sie es nicht ankommen lassen. Und es gab auch nicht die Möglichkeit, mal eben schnell anderswie auszuweichen.

Also waren Braten eine Sache, die ich erst nach meinem Auszug von zu Hause lernte. Und auch nicht wirklich, denn Braten kamen damals gerade aus der Mode, obwohl ich Soßen schrecklich mochte, mein ganzes Leben lang bis zum heutigen Tag.

Mein erstes selbst gekochtes Essen in der eigenen Wohnung war: Kartoffeln mit Senfsoße und Eiern. Das kannte ich bis dahin nur aus der Schulspeisung, wo ich es nicht sonderlich gemocht habe. Keine Ahnung, wer sich so etwas ausdenkt. Seither habe ich das nie wieder gemacht, denn es war eine Idee meines Ehemannes Nr.1, der sehr bald verschwunden war. Ebenso wie diese merkwürdige Essensidee.

Später, und das mochte ich wirklich, kochte ich viele Suppen. Mit viel Fleisch drin und allem, was mir sonst so in die Hände fiel. Meine Suppenfeten waren legendär und die Töpfe noch in der Hälfte des Abends praktisch ausgeleckt.

Jetzt aber, um zum Thema zurück zu kommen, musste es ein Kalbsbraten sein, der schon schmeckte, kaum dass alle Zutaten in den Topf gefunden hatten. Ich hatte im Netz nachgelesen, was frau so alles braucht, noch ein paar Kleinigkeiten nachgekauft, schlussletztlich beim Tun festgestellt, dass man um einIges mehr Wein braucht als noch in der Flasche war. Fast wäre ich sonntags zur Tanke gelaufen, um die Sache perfekt zu machen. Dann aber entschied ich mich dagegen. 

Es SCHMECKTE schon jetzt, ohne hinreichend Wein.

Sohni, der gelernte Koch, reagierte auf mein begeistert per Whats app gesandtes Bild nicht im Mindesten (und erklärte mir erst heute, man habe ja vor lauter Soße den Braten nicht sehen können). 

Aber:

ICH BEREUE NICHTS!  

„Ihr seid nicht meine Mutter“

… verkündete dieser Tage eine Rewe-Kundin auf der Facebook-Seite des Unternehmens.

Vorgefallen war dies: Sie hatte in einem Regal vergeblich nach einem Produkt gesucht und stattdessen einen Zettel mit dem Rewe-Hinweis gefunden, dass dieses wegen gescheiterter Preisverhandlungen mit dem Hersteller nun nicht mehr angeboten würde.

Die Kundin legte dar, dass sie die Fürsorge des Verkaufskonzerns schätzen würde, aber noch lieber wäre es ihr, wenn der Konzern sie selbst entscheiden ließe, ob oder ob sie das Produkt nicht kaufen würde. Soll heißen: Kauft ihr mal weiter ein, egal, was es kostet, und ich überlege mir dann, ob ich bereit bin, den er/über-höhten Preis zu zahlen. Ferner drohte sie ihre Abwanderung zu anderen Einzelhändlern an.

Die Reaktionen (der anderen Kunden) waren vielfältig; die meisten begnügten sich mit dem, was der Österreicher

„Tschüss, baba!“ nennt.

Tatsächlich hatte ich selbst letzthin ein ähnliches Erlebnis, beim gleichen Einzelhändler, ohne Zettel. Ein Bekannter, dem das fehlende Produkt (anderer Hersteller) genauso abging wie mir, fragte schließlich nach und bekam nämliche Antwort. Die Preisverhandlungen seien gescheitert.

Was ich nachvollziehen konnte, da dessen Preis binnen weniger Monate um nahezu 30% gestiegen war.

Aus Interesse schaute ich im Netz nach und fand das Produkt, das ich regelmäßig benutze und also problemlos in Vorsorge-Mengen einkaufen kann, für den Preis, den es VOR dem 30%-Anstieg gehabt hatte.

Wie geht das?, fragte ich mich und äußerte dies auch in meiner Rezension beim Verkäufer A…z.n.

Mir wurde mitgeteilt, dass meine Rezension gegen die Bestimmungen verstößt und nicht erscheinen kann, wobei nicht klar war, WOGEGEN genau ich verstieß. Nachdenken ist doch wohl nicht sittenwidrig?

Was einen vollkommen neuen Blick auf die derzeitigen Debatten wirft. Geht unsere Wirtschaft wirklich ganz und vollkommen zugrunde oder wittern Konzerne nur ihre Chance? Ist da nicht der eine oder andere Mitnahmeeffekt dabei? Und wie anspruchsvoll oder willfährig soll ich mich als Kunde verhalten?

Kann ich gleich einen ganzen Einzelhandelskonzern ablehnen, weil dieser unternehmerische Entscheidungen trifft, die mir nicht genehm sind? Schließlich trägt der Unternehmer auch das Risiko für Waren, die er einkauft und nicht los wird. Und wenn es irgendwo was nicht gibt, woanders hin zu gehen und willig den höheren Preis zu zahlen, ist doch alltägliche Praxis. Wieso meint eine Kundin, daraus so ein Bohei machen zu müssen?

Fragen über Fragen, aber am meisten wundert mich nach wie vor, dass der gleiche Konzern sich mit Rewe um den Preis streitet, mit A…z.n aber nicht.

Grüne Tomaten

Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, in denen ich meinen Balkon reichlich mit Nutzpflanzen bestückte, habe ich in diesem Jahr „abgespeckt“. All diese Tomaten, Gurken, Paprika usf. schienen mir mehr Aufwand zu machen, als es der Ertrag schließlich rechtfertigte.. Nur die Jahre alten Erdbeeren waren da und taten, was sie jedes Jahr tun: Sie blühen und irgendwann schoben sich aus den Blüten grüne Miniärsche, die sich ein paar Tage später als Erdbeeren entpuppten. Und die Rosen natürlich, deren zweite Blüte gerade durch ist. Vielleicht kommt da noch eine dritte.

Wirklich erstaunt hat mich das Hochbeet, das nach wenig erfolgreichem Warten auf blühende Freesjien, deren Zwiebeln ich schließlich in der Hoffnung auf das nächste Jahr einsammelte, verwaist stand. Denn irgendwann schob sich da etwas Grünes heraus, das ich schnell deuten konnte. Offenbar war von den ( nach meiner Ansicht) sorgfältig entfernten Tomaten irgendein Wurzelrest stehen geblieben und drängte nun nach draußen. Ein wenig zu spät im Jahr. Und dennoch brachte ich es nicht fertig, da etwas „weg zu machen“. Wer so lebensvoll ist, meine ich, hat eine Chance verdient. Immer und überall. Und sowieso hatte ich mit dem Hochbeet gerade nichts anderes vor.

Inzwischen ist die Tomate veritabel gewachsen. Und trägt sogar kleine Früchtchen, von denen ich freilich nicht weiß, ob sie noch wirklich reif werden. Aber wer sooo kämpft ums Überleben …

Alle Kämpfer, denke ich, sollten eine Chance bekommen.

Wie die kleine Birke, die sich von gegenüber auf meinen Balkon geschlichen hatte. Schon vor ein paar Jahren. 

Erst wusste ich nicht, was da in meinem Balkonkasten wuchs. Als sie aber das erste Blatt entfaltete, war alles klar. Sie bekam einen eigenen Topf und wuchs weiter, vertrocknete zwischendurch, wurde wieder lebendig. 

So eine Birke ist ein zartes Ding. Eigentlich immer, aber am Anfang ganz besonders. Umso erstaunlicher, wie beharrlich es doch wächst. Die Eltern gegenüber sind im Laufe der Jahre gestorben. Zu viel Trockenheit. Aber diese hier wird weiter leben.

Inzwischen habe ich sie ausgewildert, weil mein reiner Sonnenbalkon nicht gut für sie ist. Aber in Tochterkind hat sie eine gute Beschützerin gefunden.

—————

In diesen Weltall-Dokus, die ich so gerne sehe, wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Sonne in so ca. 5 Milliarden Jahren stirbt und wir bis dahin eine neue Heimat gefunden haben müssen. Ich muss dann immer lächeln. Wie könnte einer glauben, dass es uns in 5 Milliarden Jahren noch gibt? Ich gebe uns allerhöchstens 1000 Jahre, so wie wir strukturiert sind. Eher weniger. Aber wenn wir nicht mehr da sind, aus welchen Gründen auch immer, werden immer noch Birken wachsen und Tomaten und Erdbeeren und …

Alles, was Odem hat …

.. lobe den Herrn.

Der Dirigent sagt zu seinem Chor, sie sollen nicht einfach singen, sondern sie sollen IHN, den Herrn, an-singen.

Später, im Interview, wird er sagen, es glaubten ja vielleicht nicht alle an Gott. Aber an irgendwas glaube doch jeder.

Wohl wahr, bestätige ich im Geist. Und ich weiss, dass ich diese Musik, der so viel Inbrunst anempfohlen ist, hören muss.

Schon bei den ersten Tönen erkenne ich, dass dies keine Musik für eben mal so reinhören ist. Dazu braucht es eine Kirchenkuppel. Und da ich die nicht hier hab, einen offenen Himmel.

Ich gehe also raus auf den Balkon, schalte den Player wieder ein.

Und die Musik bricht über mich herein. Unter dem Mond mit leichten Wolkenschleiern und ein paar Sternen die Weinpflanze, die nach Jahren vergeblicher Pflege nun tatsächlich wieder zu wachsen beginnt. Von der Shisha-Bar unten ziehen bunte Düfte herauf. Hinter den Hügeln ein Wetterleuchten.

So höre ich den Chor. Zum Lobpreis des Herrn, an den ich nicht glaube, was nichts an meiner tiefen Bewegtheit ändert. Alles, was Odem hat …

Ich atme tief. Irgendetwas da drin empfängt das, was ich höre, mit einer solchen Macht, dass ich nicht ruhig bleiben kann.

Nach dem dritten Anhören stehe ich auf. Fast sind der Gefühle zu viel.

Unten, vor dem Brunnen, sitzt ein Paar, älter schon, in solcher tiefen Innigkeit, dass ich einen Moment lang verharre. ER spürt, dass er angesehen wird, schaut nach oben. Ich lächle und nicke einen Abendgruß.

Alles Scheiße!

Hakle, unser freundlicher Toipa-Hersteller seit fast hundert Jahren, ist pleite.

Aber nein! Heute heißt das ja Insolvenz und ist so schlimm dann offenbar doch nicht, wenn die Produktion im „Insolvenzverfahren in Eigenverantwortung“ weitergeht und die Gehälter der 220 Mitarbeiter durch das Insolvenzgeld der Arbeitsagentur gesichert sind.

Hakle begründet die Zahlungsunfähigkeit mit den stark gestiegenen Energie- und Transportkosten, wie so viele Unternehmen derzeit auch. Man habe diese Mehrkosten nicht im gewünschten Maße an die Verbraucher weitergeben können.

Wäre es nicht Hakle, könnte man die Erklärung so stehen lassen.

Aber: War da nicht im Jahr eins von Corona eine Zeit, in der Toilettenpapier-Hersteller, auch Hakle mit seinem schon immer hochpreisigen Sortiment, massiv von der Vorsorge der Verbraucher profitiert hatten?

Im Jahr 2020 hatte Hakle 80 Millionen Euro Umsatz und überstieg mit immerhin 650 000 Euro seine Gewinnerwartungen. Man darf sich fragen, wohin das Geld so schnell verschwunden ist.

Schließlich lernte ich schon von meiner Oma: „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.“

So viel immerhin dürfte den Unternehmensführern damals schon klar gewesen sein: Die Anzahl der Menschen im Land ist nicht so rasant gestiegen; das gehamsterte Toipa wird in den Monaten nach den Rekordumsätzen erst einmal aufgebraucht werden, ehe man neues einkauft. Und auch: Sobald wieder günstigere Sorten zur Verfügung stehen, werden die Verbraucher wieder auf diese zurück greifen.

Sprich: Die Rekordumsätze des Jahres 2020 waren nur geborgt und nicht auf Dauer. Hat sich da eventuell jemand verkalkuliert und einen andauernden Verbrauchsanstieg einbilanziert, der jeglicher früherer Erfahrung widerspricht?

Zuweilen, will mir scheinen, lassen Unternehmen in ihrer Planung stetig steigender Umsätze die einfachsten Erwägungen beiseite. Oder hat hier jemand gehofft, dass ein Unternehmen, welches Erzeugnisse herstellt, die im Krisenfall zuerst aus den Regalen verschwinden, zwar keines von den umsatzstärksten und auch keines von denen mit den meisten Arbeitsplätzen, aber dennoch “ Too Big to Fail“ ist?

Das Böse im Menschen

Angesichts eines Blogs über Zustände in „Heimen für schwer Erziehbare“ im letzten Jahrhundert ging mir einiges durch den Kopf.

Erstaunlich fand ich, dass es offenbar eine Neigung gibt, solche zweifellos unbestreitbaren Zustände (inzwischen gab es ja genug Berichte darüber) in der eigenen Umgebung in Zweifel zu ziehen. In diesem Fall versteifte man sich darauf, dass es so etwas wohl „nur im Osten gegeben habe“. Was nicht falsch, aber eben nicht allein richtig ist. Es gab diese Dinge ÜBERALL.

Noch viel erstaunlicher aber ist, dass sich dermaleinst Menschen entschieden hatten, mit Kindern zu arbeiten. Woraus man doch folgern müsse, dass sie Kinder vielleicht doch irgendwann einmal gemocht haben müssen. Und zwar nicht auf diese unschickliche Weise, sondern wirklich und wahrhaftig und aus tiefster Seele. Was war mit denen geschehen?

Und dann fielen mir in zunehmendem Maße Menschen ein, die sich einst für eine Sache eingesetzt und sie im Laufe der Zeit in ihr grobes Gegenteil verkehrt hatten.

Lehrer, die sehr zynische Vorstellungen über Kinder (aber mehr noch: deren Eltern) entwickelt hatten.

Menschenrechtsanwälte, die – wenn schon nicht rassistische, so doch – zweiflerische Gedanken hinsichtlich des Asylrechts etc. ausbildeten.

Ärzte, die schon ihr ganzes Leben lang hatten den Menschen helfen wollen und auf ihre alten Tage nurmehr monetäre Interessen am Patienten hegten.

Entwicklungshelfer, die die Vorbehalte aller ehemaligen Kolonialherren über die Einheimischen der von ihnen unterstützten Länder bestätigten.

Undundund …

Sie alle (ok., die meisten) waren in ihren Berufen angetreten mit dem Wunsch, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Sie alle hatten zweifellos eine ganze Zeit lang nach ihren hehren Vorstellungen gelebt. Und doch waren dann eine Reihe von ihnen irgendwann an der Realität ihrer Berufe gescheitert.

Vielleicht hatten sie zu idealistische Vorstellungen gehabt, vom „süßen“ Kind, vom „edlen“ Wilden, vom unschuldig Verfolgten …?

Vielleicht aber reichten schon ein paar wenige Enttäuschungen aus, um den Rest derer, die ihre Zuwendung und Hilfe wirklich und wahrhaftig verdienten und brauchten, auszublenden?

Was oder wie viel von dem braucht es im Leben, um den Idealismus des Menschen abzutöten, ihn in sein Gegenteil zu verkehren, das Böse (das zweifellos in uns allen steckt) heraus zu holen?