Klinken putzen

Schon seit einiger Zeit bemerke ich, dass meine Zimmertüren nicht mehr meinen optischen Ansprüchen genügen. Der R. (meine Leser erinnern sich vielleicht an ihn) , der seinerzeit nach einem Sixpack beteuerte, er finde jeden G-Punkt (sprachs und sank auf meinem Schaffell vor dem Bett in tiefsten Schlaf), war im Türenstreichen ebenso wenig erfolgreich gewesen wie beim G-Punkt-Finden.

Kurzum: Die Türen wiesen üble Griffspuren an jenen Stellen auf, an denen man Türen eben so angreift. Das störte mich schon seit einiger Zeit. Und ich vermied es strikt, noch einmal den R., der sich diesbezüglich schon mehrfach erbötig gemacht hatte, noch einmal in Anspruch zu nehmen. Sie wissen schon: Die gleiche Sache immer wieder zu machen und ein anderes Ergebnis zu erwarten …

Früher, als ich noch jünger und voller Energie war (ich beobachte das an meiner Tochter, die mal flix beschließt, eine Wand in dieser und jener Farbe haben zu wollen und das dann innerhalb weniger Stunden umsetzt), waren solche Aktionen keine Sache für mich. Ich strich Wände und Möbel und strich und strich und schlich damals voller Begeisterung um diese Sachen herum, wie ich das heute zuweilen bei meinen Bildern tue. Sich einfach darüber freuen, dass etwas anders und im günstigen Fall besser geworden ist.

Heute hingegen schleiche und schleiche ich in Vermeiderhaltung monate- und gar jahrelang um mein schlechteres Ich herum und ärgere mich über mich selbst.

Am Samstag ward ich spontan bei meinen russischen Nachbarn zum Morgenkaffee eingeladen (eigentlich hatte ich nur etwas tratschen wollen) und verkündete stolz, ich würde noch heute (ja, wirklich, so konkret machte ich das) meine Türen streichen, strandete dann jedoch in einem lazy Samstag. Den Sonntag, der bei mir für Arbeiten jedweder Art keineswegs tabu ist, ließ ich dann ebenso aus.

Erst am Montag packte mich der große Eifer. Ich stand vorm Aufstehen auf und hatte, als Sohni um halb Acht anrief, bereits die erste Tür gestrichen. Sieh an, dachte ich, tut ja gar nicht weh. Und ein weiters von vielen anderen Malen in meinem Anstreicher-Leben fiel mir ein, dass die große Schwierigkeit nicht im Anstreichen besteht, sondern in den Vorbereitungen. Hier: Alles unter und um die Türen herum mit Zeitungspapier abdecken, die Schlösser und Griffe abschrauben (merke: wenn der Türgriff ab ist, nicht die Tür zufallen lassen!) und dann loslegen, möglichst ohne irgendwelche Sachen drumherum anzuschmieren.

Im Laufe des Vormittags hatte ich drei von fünf Türen geschafft und saß dann, als die Kräfte nachließen, am Tisch und flimmerte mit Elsterglanz diese großkotzig verschnörkelten und messingglänzenden Türdingens, ehe ich sie wieder anschraubte.

Nach dem gestrigen Ruhetag erledigte ich vier und fünf von fünf heute Vormittag und schätze, morgen („Licht, mehr Licht!“) noch einmal über die Türen drüber gehen zu müssen. Es ist eine blöde Idee, bei Schlechtwetter zu malern. Bei Sonnenschein könnte sich das als Schluderei herausstellen. Folglich sind die Türen noch nicht komplett. Aber ein Rest Farbe ist noch da.

Und ich, die ich seit ein paar Jahren schon die Anstreicherei hasse, beginne selbige zwar nicht (wieder) zu lieben, aber wenigstens den sichtbaren Erfolg. Und warum man es macht, ist ja egal. Hauptsache, dass …

Casanovasturz, Heimlichgriff und Luftröhrenschnitt

Neulich las ich, dass die große Mehrheit der Deutschen nicht (mehr) in der Lage ist, in einem Notfall medizinische Hilfe zu leisten.

Ich halte das für ein Gerücht. Es stimmt nicht, dass die Leute es nicht mehr können, obwohl für viele ein Auffrischungs-Erste-Hilfe-Kurs empfohlen wird. Sie können es, aber trauen sich nicht oder hoffen drauf, dass es ein anderer tut.

Denn seit wir im Fernsehen Serien die Menge für ein Grundschultaschengeld sehen können, sollten die elementarsten Hilfsmaßnahmen jederman ein Begriff sein.

Ich selbst wundere mich ja immer wieder, mit welcher Leichtigkeit da z.B. jeder Laie einen Luftröhrenschnitt macht, wenn irgendwem die Luft ausgeht. Nicht genug damit, dass ich allerhöchste Hemmungen hätte, irgendwem einen Schnitt „bis in das Blut hinein“ zuzufügen, wäre ich mir auch gar nicht so sicher, den richtigen Punkt zu treffen. Also: Zwischen Adamsapfel und Kehlenbogen ist zwar kein so großer Bereich, aber einer, in dem nach meiner Einschätzung allerhand kaputt gemacht werden kann. Und dann soll man mit dem Finger hinein und schließlich irgend etwas ganz und gar nicht Steriles da einführen?

Nicht mit mir!

Eine ganz andere Sache ist dieser Heimlichgriff, wenn irgendwem etwas in die falsche Kehle geraten und da stecken geblieben ist und er keine Luft mehr kriegt. Ein Bissl auf und unter dem Brustkorb herumdrücken in der Hoffnung, man träfe die richtige, also diese Heimlich-Stelle, und der Bastard von Todbringer fliegt raus und alles ist wieder gut. Kann man ja mal versuchen. Entweder es klappt und alle, die bis dahin nur blöde geguckt haben (meist im Restaurant oder so), finden einen ganz total cool. Und wenn es nicht klappt, war man trotzdem der Einzige, der´s versucht hat.

Nebenher lernt man noch, dass die total coolen Ärzte meistens in Cocktail-Kleidchen oder Anzügen (alles nicht im Preis unter ein paar Tausend Dollar) herumlaufen, ganz selten Kittel (und wenn, dann nur als Deko) tragen und nie einen Tropfen Blut oder Kotze oder Scheiße auf ihre sauteuren Klamotten kriegen. (Falls doch, was man nie zu sehen kriegt, nehmen sie das tapfer wie ein Mann, ohne auch nur den Hauch einer Klage, weil sie alle total vom Wohlergehen ihrer Patienten besessen sind. Und übrigens, da wir einmal beim totalen Edelmut der – wie an den Klamotten erkennbar – saugut verdienenden Ärzte sind: Sie schöpfen stets alle, aber auch alle Möglichkeiten zur Rettung ihrer Patienten aus. Koste es, was es wolle! Was man ja nicht einmal aus den ganz sozialen Gesundheitssystemen kennt, nie aber aus dem amerikanischen, wo die meisten dieser Serien her kommen.)

Neben all dem ist Casanova nur ein Schmankerl und hat gar nichts mit eventuellen Laienfähigkeiten zu tun. Weil der Laie da auch nicht so viel tun kann. Der Casanovasturz ist jener, der sich ereignet, wenn der Liebhaber bei der plötzlichen Heimkehr des Ehegemahls aus dem Fenster oder vom Balkon springt/ stürzt und sich dabei die Haxen oder manch anderes bricht. Da, wie gesagt, kann der Laienhelfer nichts tun, außer – ähnlich dem medizinischen Personal – verhalten hämisch zu grinsen, so gemein das auch sein mag.

Bei dir piepts doch!

Nicht, dass sie es nicht hören wollen! Sie können es nicht. Wenn also das Baby in der Nacht murkelt, schnauft er mal kurz, dreht sich um und schläft weiter. Sie aber ist sofort hellwach. Das macht er nicht mit Absicht. Er hört einfach in anderen Frequenzen.

Was sich daran erkennen lässt, dass er die neue Musikanlage mit großem Eifer zum Laufen bringt und immer wieder leise vor sich hin stöhnt: „Irgendwas ist da mit den Bässen …“, während sie sich fragt, was er meint und in der Wiederholung vor sich hin denkt, ob er jetzt nicht leicht oder schwerer spinnt. Sie hört es nicht, was mit den Bässen ist. Weil ihre Hörfrequenzen andere sind.

Wenn sie also nachts im Bett liegt und nicht schlafen kann, weil da so ein Brummen ist, ihn am nächsten Morgen fragt, ob er das nicht auch gehört hat, wundert sie sich nicht, weil er nichts gehört hat. Sie mutmaßt, dass die neuen Nachbarn direkt oben drüber eine Gefriertruhe stehen haben, die auf vollen Touren läuft. Er zuckt mit den Schultern.

Als sie ausgezogen ist und in ihrer eigene Wohnung wiederum ein Brummen hört, schiebt sie es auf ihren neuen Kühlschrank … bis ihr klar wird, dass der erst nächste Woche geliefert wird. Was bedeutet, dass das Brummen in ihrem Ohr ist.

Sie geht zum Ohrenarzt, der ihr treffliche Infusionen verabreicht, irgendwas mit Sauerstoff, die sie in Hochgefühle versetzen. (Viele Jahre später wird sie hören, dass Sauerstoff inzwischen eine Party-Droge ist, und kann das verstehen.) Das Brummen ist zeitweilig weg. Als es wieder kommt, hat sie sich informiert und konstatiert, dass ein Brummen besser ist als dieses Piepsen, das andere haben und manche richtig arbeitsunfähig macht, für sogar lange Zeit.

Manchmal brummt es, manchmal piept es. Sie merkt es oft nur Momente lang, weil man sich gewöhnt.

Irgendwann wird ihr Ohr wattig und sie fühlt sich nur halb. Das Ganze nennt sich Hörsturz, was heißt, dass man von einem auf den anderen Moment – wenigstens auf dieser einen Seite – gar nichts mehr hört. Was die gleichen Ursachen hat wie dieser vorherige Tinnitus (das ist das Piepsen und Brummen). Sie kriegt wieder Infusionen, Sauerstoff nun zum Einatmen (was nicht halb so schön ist wie die mit Sauerstoff angereicherten Infusionen) und irgendwer ist der Meinung, auch irgendwelche Magnetwellen, die via Kopfhörer verabreicht werden, sollen helfen.

Für all das sitzt sie in einem Zimmer mit anderen, ähnlich Geschädigten. Einer von denen telefoniert permanent mit dem Handy, um seine berufliche Wichtigkeit zu demonstrieren, und nervt damit die anderen, die Ruhe suchen. Man hat den bösen Impuls, ihm einen beidseitigen Hörsturz zu wünschen, damit das aufhört.

So oder so wird klar: Hast du so einen Scheiß erstmal am Bein, kriegst du ihn nie wieder richtig los. Es brummt, es piepst, es stürzt ab. Nach drei, vier Mal funktioniert das betroffene Ohr nicht mehr wirklich gut. Und nur ganz positive Menschen sagen sich, dass es auch beide Ohren hätten sein können.

Stattdessen richtet man sich ein. So als Seitenschläfer legt man sich so, dass das „gute“ Ohr oben ist, will man ein Hörbuch hören. Und wenn die Nachbarn wieder überbordend Party machen, packt man es nach unten und schläft selig.

Es gibt nichts in diesem Leben, das nur Nachteile hätte.

Wollte ich meiner Mutter, die zeitlebens Probleme mit einem Ohr hatte, eine Schandtat gestehen, tat ich es von eben der Seite dieses Ohres aus. Sie war zu eitel, um zuzugeben, dass sie nicht verstanden hatte. Und hernach konnte ich immer wahrheitsgemäß behaupten „Ich habe dir das doch gesagt.“, was zwar nicht fein, aber dennoch wahr war.

Dass dieses Ohr, an dem sie sich spät in ihrem Leben operieren ließ, eine wirkliche Gefahr war, verstand ich erst sehr viel später, als sie zugab, dass sie wegen des Lochs im Trommelfell nie weit hatte heraus schwimmen können. Das eindringende Wasser hatte einmal ihren Gleichgewichtssinn so nachhaltig gestört, dass sie der fehlenden Orientierung wegen beinahe ertrunken wäre.

Nach all diesen Erfahrungen, die ja nun nicht zu ändern sind, bleibt die Frage: Wo kriegt man dieses Sauerstoffzeugs her, nach dem man sich so saugut fühlt???

Gänsehaut und Champignons

Man kennt immer nur das, was die Legenden berühmt gemacht hat.

Und viel zu oft – was das eigentlich Traurige ist – begnügt man sich damit.

Als ich vor ein paar Jahren mich im Krankenhaus wiederfand, wo man mir sagte, es sei ein, wenn auch nur leichter, Schlaganfall gewesen, war ich froh. Nicht wegen des Schlaganfalls natürlich, sondern weil ich beim probeweisen Wackeln meiner Gliedmaßen keine Beeinträchtigungen fühlte. Genau genommen gab es da nur zwei Stellen, die sich etwas taub anfühlten. Das war erträglich und keiner merkte es. Ich auch nicht wirklich.

Ich war vermutlich die fitteste Bewohnerin der Intensiv-Station. Vielleicht auch dann auf der Normal-Station. Wo sie allerhand Untersuchungen machten, um den Fehler in meinem Kopf zu finden. Der zeigte sich als Schatten auf irgendwelchen Bildern und war etwas größer als ein Taubenei. Immerhin wohnte in mir noch so viel Humor, dass ich zu mir selber sagte, wenn ein taubeneigroßes Stück meines Gehirns nun „weggeschossen ist“ und trotzdem alles, einschließlich meines Gehirns, noch immer funktioniert, dann wundert es mich nicht, früher von manchen nicht verstanden worden zu sein.

Ich genoss meine Arm- und Beinfreiheit, indem ich stundenlang den Park am Krankenhaus durchstreifte. Und war froh, einen Skizzenblog dabei zu haben. Und den MP3-Player. Die Musik fühlte sich ganz anders an, so, als hörte ich sie zum ersten Mal, eigentlich, als FÜHLTE ich sie zum ersten Mal.

Ich habe gehört, das geht vielen so, die quasi von den Toten auferstanden sind. Sogar dann, wenn sie nicht wirklich tot waren. Es reicht schon, die Idee des Todes im Kopf gehabt zu haben. Plötzlich fühlen sie das Leben so viel mehr oder das Leben überhaupt. Viel zu oft und viel zu lange halten wir so viele Dinge ja für selbstverständlich.

Was passt zu so einer Befindlichkeit mehr als die Beach Boys? Good Vibrations, wenn man durch den Park geht, sich seiner Beine und seiner Beweglichkeit freut. Wenn man in der Sonne sitzt und das Blitzen der Sonne im Wasser des Teiches beobachtet. Man stellt sich dabei ein paar fröhliche Jungs vor, die am Strand in kurzen Hosen herumspringen, die Surfbretter im Arm. (Dass die „Jungs“ inzwischen keine mehr sind, verdrängt man, so will es die Legende.)

Die Beach-Boys sind also ein wesentlicher Teil meiner Genesungsgeschichte. Als solche werde ich sie nie vergessen, was bedeutet, dass ihre Musik – die ich noch immer gerne höre – untrennbar mit dieser Sache verbunden ist.

Nie wäre mir in den Sinn gekommen, dass es da eine tragische Geschichte geben könnte. Die PR-Maschine hat gut funktioniert. Man kennt das nicht. Das ist nicht wie bei der Monroe, Morrison oder all den Anderen, die gelitten haben und irgendwann starben. Irgendwann war die Zeit vorbei, so denkt man sich.

Was aber dahinter steckt, erfahren wir oft nicht.

Und jetzt sehe ich diesen Film, der so eine traurige Geschichte hinter all dem offenbart, dass es mich schmerzt, gerade eben weil solch großartige Musik dabei entstanden ist.

„Love & Mercy“: Film über Beach Boy Brian Wilson (faz.net)

Ich sitze auf dem Balkon, die Kopfhörer auf, weil die Geschichte ohne Bilder irgendwie erträglicher ist. Und ich sehe die Amsel über das Blechdach trappeln. Und da steht die Kiste mit der Champignonzucht, von der ich nicht glaubte, das sie sich noch entwickeln würde. Und da ist dieser eine einzige Champignon, der in zwei Tagen so sehr gewachsen ist, dass er die Form der Ecke der Kiste anzunehmen beginnt.

Einen dreieckigen Champignon, denke ich, habe ich noch nie gesehen.

Nachlass

Im Gegensatz zu meinem Sohn, der offenkundig die Gene seiner Vatersfamilie und damit eine hohe Lebenserwartung geerbt hat, blicke ich auf eine nicht so furchtbar lange Lebenserwartung voraus. Auch das sind die Gene, obschon ich neulich, als meine 76jährige Schwester, die ich seit ihrem siebzigsten Geburtstag nicht mehr sah, irgendwie beiläufig meinte, es wäre schon gut, wenn ich wieder einmal auf Besuch käme, damit man sich ÜBERHAUPT noch einmal sähe, erschrak.

Ich erschrak, denn auf solche Ideen bin ich nicht vorbereitet. Meine Schwester, also DIESE Schwester (ich habe noch eine andere, jüngere) ist seit dem Tod unserer Mutter so eine Art Elternersatz. Die Familie zusammen zu halten, hat sie wohl aufgegeben (nicht zuletzt, weil das jedermans eigene Sache ist), aber sie ist, entgegen ihrer einstigen Veranlagung, inzwischen eine eher sanftmütige, verständige, ermutigende Schwester. Sie hat auch schon einmal gesagt, dass sie gut finde, dass ich die Dinge so tue, wie ich sie tue. Was wohl heißen soll, dass ich klar komme, ohne jemandes Hilfe (vornehmlich ihre) einzufordern. Ich halte das für selbstverständlich. Sie jedoch anscheinend nicht. Weshalb sie es so schätzt.

Und wirklich bin ich ja alt genug, um allein – ohne Mutti oder große Schwester – klar zu kommen. Wenn das ein Lebensziel ist, dann habe ich es erreicht.

Aber nicht nur das ist Ziel und Verantwortung zugleich.

Ich erinnere mich, dass meine Mutter – durch den frühen Tod unsere Vaters gewarnt – beizeiten anfing, ihren Hausstand in Ordnung zu bringen. Man kann das lächerlich finden. Aus der Sicht der Erben jedoch ist das ein reiner Segen.

Da waren zwei Keller- und ein Bodenverschlag, die den Nachlass einer sechsköpfigen Familie in sich trugen. Spielsachen, Kinderbücher, ausrangiertes Wasauchimmer und Handwerkszeug eines Heimwerkers. Krams die Menge also, die sie noch zu ihren Lebzeiten von professionellen Ausräumern leer machen ließ. Auch in der Wohnung beschränkte sie sich auf das, was sie in diesen letzten Jahren noch brauchte.

Obwohl nicht ich (weil anderswo wohnend), sondern große Schwester sich um die Haushaltsauflösung kümmerte, denke ich mir, war es doch eine große Erleichterung, sich nicht mit Zeuges aus sechs Jahrzehnten herumzuschlagen. (Andere Erben berichten mit Grauen von Schlimmerem.)

Dieses Vermächtnis trage ich in meinem Herzen. Und bin gerade mittendrin, es umzusetzen.

Denn auch ich merke, dass es Krams die Menge gibt, das man hortet, ohne es zu brauchen. Umso mehr, als ich schon seit geraumer Zeit eine tiefe Sehnsucht habe nach dieser asiatischen Leere in den Räumen. Nicht nur, weil sie das Saubermachen so sehr erleichtern, sondern auch, weil sie eine Art Ruhe oder Seelenfrieden schafft.

Gleichwohl ist mir klar, dass meine kreativen Ideen der Sache im Wege stehen oder vielmehr ich schlichtweg zu wenig geschlossene Behältnisse habe, um Farben, Stoffe und eine Vielzahl Zubehör quasi unsichtbar zu lagern.

Nicht unsichtbar sind die Bücher, denen ich in Teilen heute den Garaus bereitete. Nachdem ich Jahre lang mich umhörte, um festzustellen, wessen Interesse sie noch erregen könnten.

NIEMANDES Interesse ist das Fazit. Und heute war ich gerade in der richtigen Verfassung. (Ich weiß nicht, ob Sie das auch kennen. Aber es gibt Tage, an denen man besser und solche, an denen man gar nicht ausmisten kann. Heute war diesbezüglich ein guter Tag. Aus den gestern zum Ausmisten vorsortierten Büchern fischte ich gerade eines wieder heraus. Was bei irgendwas zwischen dreißig oder vierzig Exemplaren ein eher guter Schnitt ist.)

Natürlich ist das nur ein Anfang.

ABER … ich bin die Jüngste von uns Geschwistern und habe, so Gott will, noch ein wenig Zeit.

Hilflos

Da sitzt er wieder. Eigentlich ist es mehr ein zusammengeklapptes Liegen. Er scheint zu schlafen. Da auf der Bank, die wellenförmig angelegt wurde bei der Neugestaltung der Fußgängerzone.

Ich finde diesen Bereich seit er anlegt wurde, nicht sonderlich schön, eher kahl. Früher war hier eine winzig kleine, aber eben doch Grünanlage. Ein bissel Gras, ein bissel Gebüsch. Jetzt ist alles sauber geplättelt unterhalb eines Baums, den sie stehen ließen. Und dann diese Bank, die innovativ scheinen soll eben wegen ihrer Wellenform. Gemütlicher ist sie deswegen nicht, denn den meisten Teil des Tages steht sie in praller Sonne. Daran ändert auch nichts unser städtischer Minifluss, der sinnig „Mümling“ heißt (und mich, vielleicht nicht nur mich, an einen murmelnden Bach erinnert) und daneben plätschert.

Wie so oft in den letzten Jahren, denn ich sehe ihn nicht zum ersten Mal, denke ich: Irgendwer sollte da doch etwas tun. Und gleichzeitig schäme ich mich, dass ich wieder irgendwem die Verantwortung zuschiebe und sie nicht selbst übernehme. Warum bin nicht ich es, die etwas tut?

Gleichzeitig aber frage ich mich, deckt sich mein subjektives Empfinden, dass etwas getan werden muss, mit dem Empfinden des Betroffenen? Wie z.B. wäre es, wenn ich diesem alten Mann, der sicher über siebzig ist und offenbar obdachlos, der durch seine Behinderung (Bechterev?), die es ihm nicht erlaubt, sehr viel mehr als seine eigenen Füße anzuschauen, … wie also wäre es, wenn ich ihn anspräche und Hilfe anböte?

Ein Anfang wäre, dass ich ihn zu mir nach Hause holte, ihm meine Badewanne anbiete, vielleicht vom DRK neue Kleidung holte. Und natürlich Essen, Trinken und vielleicht ein richtiges Bett zum Schlafen.

All das brächte mich nicht um. Und es müsste nicht für die Ewigkeit sein. Es gibt genug öffentliche Stellen, die ihm helfen würden. Denn so muss ja keiner seinen Lebensabend verbringen.

Und dann denke ich mir, dass jeder, der halbwegs bei Verstand ist, all das selbst weiß. Er könnte, wenn er das wollte, diese Dinge ganz allein in Gang bringen. Und dass er das nicht tut, hat doch vielleicht seinen Grund? So viel jedenfalls weiß ich: Er ist keiner von denen, die im Alkohol versumpfen und deshalb nichts mehr auf die Reihe bringen. Ja, manchmal sehe ich neben ihm eine Bierflasche stehen, aber meistens sind seine Getränke Saft und Wasser. (Erstaunlich, wie öffentlich so ein Leben auf der Straße ist.)

Und ich frage mich, welches Recht ich habe, jemandem vorschreiben zu wollen, auf welche Art er leben soll.

Schon oft hörte ich, dass Obdachlosigkeit einerseits ein Schicksal ( wenn auch hierzulande nicht zwingend), andererseits aber auch eine freie Entscheidung ist. Was weiß denn ich über diesen Menschen, so sehr es mir auch das Herz anrührt?

Geschichte

Unten, auf der Treppe unterhalb meines Balkons, höre ich eine eindringliche Kinderstimme. Ich schaue, mit der eben gepflückten Erdbeere in der Hand, nach unten und sehe: Vater, Kind (Kindergartenalter) und Kind (spätes Grundschulalter). Großes Kind redet auf den Vater, den ich als einen Pakistani, mit dem ich beruflich zu tun hatte, erkenne, fröhlich ein. Es scheint, als habe sie, die offenbar der deutschen Sprache sehr gut mächtig ist, zuweilen Verständigungsprobleme mit ihrem Vater, der – ich erinnere mich – sehr freundlich und höflich, der hiesigen Sprache aber nicht sehr mächtig ist.

Sie sagt immer wieder dasselbe. Und schließlich verstehe ich „Karl, der Große“. Und schließlich spricht auch der Vater nach, weiß aber nicht wirklich, wovon sie redet, denn sie vermeidet ganz offenkundig pakistanisches Vokabular.

Vielleicht, denke ich, spielt es in diesem Zusammenhang auch keine Rolle. Wen in Pakistan würde schon Karl der Große interessiert haben? Und ein wenig wundere ich mich, denn Karl der Große dürfte im Grundschullehrplan noch nicht vorkommen.

Gleichzeitig aber glaube ich, dass ein Kind, das mit solchem Eifer und solcher Fröhlichkeit sich eine Kultur zu Eigen macht, die nicht wirklich seine ist, vielleicht einmal ein wirklich wertvolles Mitglied unserer Gesellschaft sein wird.

(Ich erinnere mich, wie ich neulich in diesem Film zu den 60ern in den USA sah, wie hochnotpeinlich Schwarze zu politischen Themen befragt wurden, damit man sie als Wähler ablehnen konnte. Hierzulande macht das keiner. Wenn aber wir das täten, würde dieses Mädchen dermaleinst mit Bravour bestehen. Denn: Wer schon weiß, was es mit Karl dem Großen auf sich hat?)

Milagro

Ich sitze auf dem Balkon. Der Himmel ist mit einer homogenen Wolkenschicht bedeckt. Einsam fliegt ein Doppeldecker.

Vorhin, auf der Sonnenseite, zeigte das Thermometer 40 Grad, was natürlich übertrieben und der direkten Sonneneinstrahlung geschuldet war. Aber hier, auf der anderen Seite, ohne Sonne, fühlt es sich genauso an. Jeder Atemzug ist ein Kampf, jede Bewegung ein Ereignis.

Bereits dieser Tage dachte ich, dass wir in Mitteleuropa gut reden können, wenn es um Fleiß und Arbeitseifer geht. Es ist schließlich mehrheitlich kühl genug, auch wenn sich in den letzten Jahren die heißen Tage häufen. Ich erinnere mich an Sommer Ende der Siebziger/ Anfang der Achtziger, in denen ich durchgängig in meinem Nord-Büro langärmlig zur Arbeit ging. Ich fror. Man stelle sich das vor im Juli/ August.

Inzwischen geben wir uns zwar weiterhin leistungsbereit und vernünftig, haben aber, denke ich, ein Verständnis dafür entwickelt, warum in südlichen Ländern der Mittagsschlaf gepflegt wird. Nicht, dass ich selbst je ein Problem damit gehabt hätte. (Wortreich erklärte ich dieser Tage Tochterkind, dass es ganz und gar ein Mythos der modernen Industriegesellschaft sei, dass Menschen zwischen 13 und 16 Stunden am Stück wach sein sollten. Aus meiner Sicht funktioniert das nicht. Irgendwo in diesen 16 Stunden muss eine Ruhepause sein, die länger ist als die übliche betriebliche Mittagspause von 30 Minuten. Dass wir uns aus falschem Leistungsverständnis heraus immer wieder zusammenreißen, weitermachen, durchhalten ist schlichtweg verkehrt. Selbst früher, als wir den Menschen der Agrar- oder Industriegesellschaft Beschäftigungszeiten von zwölf und mehr Stunden zuschrieben, taten sie das nicht durchgängig. Irgendwann klappten sie am Feldesrand oder neben der Maschine mal eine Zeit weg, die länger als 30 Minuten dauerte. Denke ich. Meine ich, gehört zu haben.)

Dass der Mittagsschlaf ein „Moment der Ruhe, der Wollust und ein Akt des Widerstands“ ist, lernte ich aus „Die Kunst des Mittagsschlafs“. Die Erwähnung des Umstandes, dass Mittagsschlag ein Luxus ist, erübrigt sich, denke ich.

Als ich die portugiesische Backwaren-Verkäuferin dafür bewunderte, dass sie ihren Laden, schon im Abschließen begriffen, zehn Minuten nach halb eins (in der Nacht!) für einen Nachzügler noch einmal öffnete, dachte ich nicht weiter nach. Aber, klar, irgendwann muss die auch schlafen. Dann wohl am Tag, ist mir klar. Und warum auch nicht, wenn doch alle anderen auf rätselhafte Weise zwischen zwölf und vier am Nahmittag verschwinden. Nur wir dussligen Touristen traben da durch die Gegend und wundern uns über die „faulen“ Südländer. In Wahrheit möchte ich sehen, wo in Mitteleuropa Ämter (irgendwann in Griechenland) bis abends neun Uhr geöffnet sind.

Während ich so sitze, schwer atme und sinniere, denke ich an Mexiko im Buch „Milagro“, das ich vor vielen Jahren begeistert las und später verfilmt sah. Alles döst bei diesen ewig gleich heißen Tagen vor sich hin. Jede Aktivität fällt schwer. Aber wenn es darauf ankommt, gibt es auch da Widerstand. Träge scheinend, aber nicht minder wirkungsvoll.

Und gleich hinterher „Hundert Tage Einsamkeit“ und zwei, drei Filme über den italienischen Sommer weitab vom Meer.

Überall drückende Hitze, die den Körper in Zeitlupe versetzt. Aber der Geist bleibt auf unerklärliche Weise wach, ist inspiriert und außerordentlich sinnlich, denn Hitze ist eine körperliche Erfahrung.

Manchmal, denke ich, sollte unser Geist mehr dem Körper lauschen.

(Nationalitäten)Spielchen

Die weiter entfernten Nachbarn (Rumänen/ Bulgaren?) von drei Häusern weiter unten haben ihren Sperrmüll rausgestellt. Es liegt in der Architektur unserer Gasse, dass sie das einige Meter vor unserem Haus tun. Zu ihnen herunter kommt kein Müllfahrzeug. Und es mag im Unverständnis des hiesigen Systems liegen, dass sie es tun, wenn der Sperrmüll anfällt, nicht jedoch wenn dessen Abholung kurz bevor steht.

Als ich neulich herunter sah, stellte ich fest, dass der Sperrmüll weniger geworden ist. Beinahe, dachte ich, würde es sich gar nicht lohnen, eigens dafür ein Fahrzeug kommen zu lassen. Ich war nur bedingt verwundert, denn jeder kennt das: Es gibt nur wenige Dinge, die nicht noch einen Abnehmer finden, wenn man sie denn nur lange genug stehen lässt.

Wieder einige Tage später brachte ich meinen eigenen (Normal)Müll herunter und wurde dessen ansichtig, wie mein russischer Hausnachbar unter Aufbietung einiger Kräfte einen der noch verbliebenen Teppiche mitten auf die Straße zerrte. Meinen erstaunten Blick bemerkend, beklagte er sich, dass dieses Zeugs da wieder Monate lang dort liegen würde. Was ich nicht glaube. (Ich glaube rein grundsätzlich erst einmal an das Gute im Menschen.)

Ich ahnte, dass er auch für den Sperrmüllschwund verantwortlich sei und stellte fest, dass vieles vom „verschwundenen“ Müll sich auf zauberhafte Weise wieder in Richtung der Haustür der Verursacher bewegt hatte und damit deren Zufahrt blockierte. Ich ahnte ferner, dass die Blockierung unserer (öffentlichen) Straße den Zweck verfolgen sollte, dass jemand sich beim Ordnungsamt beschwert.

Inzwischen hat jemand (vermutlich die Rumänen/ Bulgaren) den Sperrmüll wieder am bekannten Ort zusammen getragen. Und nach meiner Rückkehr vom Einkaufen war schon wieder etwas von davon wie von Geisterhand auf die Straße gewandert.

Während ich, vom Gewicht meiner Einkaufstasche schnaufend, den Berg zu meinem Haus erklomm, kam der erwachsene Sohn der Chinesen, die ihr Häuschen unmittelbar am Ereignisort haben, heraus und begann, die Sachen von der Straße zu räumen und den Sperrmüll ordentlich aufzuschichten.

Jetzt sieht alles wieder gut aus.

Jetzt.

Aber ein Ende ist nicht abzusehen.

(Von meiner türkischen Nachbarin, die mir – wieder einmal – die Tür vor der Nase zuschlug, rede ich heute nicht.)

Himmel! Was für Himmel!

Es gibt Menschen dieser Tage, die behaupten, der Sommer dieses Jahr tue sich schwer, ein solcher zu werden. Vielleicht, sagen sie, wird es gar keiner.

Ich währenddessen sitze auf meinen Balkonen, mal dem einen, mal dem anderen, und staune ob der Wolkenvielfalt. Da kommt die Malerin durch, die es gerade eben wieder einmal versucht: Himmel malen. Was so ziemlich das Schwierigste ist, was so ein Maler leisten kann.

Denn Himmel sind beileibe nicht immer blau wie auf Kinderbildern. Und Wolken sind in ihrer Luftigkeit und manchmal Schwere und manchmal Vorder-/Hintergründigkeit … eine ganz eigene Welt.

Ich erinnere mich gelegentlich an diese eine Kollegin, die morgens, es war Winter, etwas wirklich Unwichtiges erzählte, während ich am Fenster stand und diesen wahrhaft spektakulären Sonnenaufgang betrachtete, mich daran nicht satt sehen konnte.

Ich unterbrach ihren belanglosen Redefluss, in dem sie mir von Menschen berichtete, die ich nicht kannte, und deren vermeintlich skandalösem Verhalten, indem ich nach draußen wies, wo dieses rosa-violette Feuerwerk stattfand. Sie sah einen Moment lang nach draußen, sagte irgendwas wie „Jaja, ganz nett.“ und schwafelte weiter.

Nie werde ich begreifen, dass Menschen die Grandiosität der Natur so beiläufig abtun können. Ich selbst kann stundenlang schwelgen in diesem Farbenfeuerwerk, das leider nicht stundenlang anhält. In jeder Sekunde passiert eine Änderung, alles bewegt sich. Und die wunderbaren Effekte von goldig umrandeten, rosa-wattigen Wolken (abends um halb Zehn, ok. eigentlich erst halb Neun), von rosa, lila, orangenem Budenzauber verschwinden so schnell.

Eigentlich, denke ich dieser Tage, ist so ein nicht ganz richtiger Sommer auch mal ganz schön.

Ein wenig fühlt es sich an wie in der Karibik, wenn die Sonne in Richtung Spätnachmittag/ Frühabend steht, also schräg, und man den Regen fallen sehen kann. Einen irgendwie gemächlichen Regen mit dicken Tropfen und dazwischen schwebt eine Mischung aus allerhand Insekten und Pflanzenzeugs, Dinger, die wie kleine Fallschirme sind. Und obendrüber dieser wilde Mischmasch aus Himmelblau und Weiß und Grau und Gold und Orange.

Dieser Sommer, denke ich, wird gut. So oder so.