Das Unbenehmen von Flüchtlingen und anderen

Erst wollte ich ja auf einen Blog antworten, aber dann wurde mir klar, dass meine Gedanken viel weiter kreisen als um die ewig gleiche Flüchtlingssache. Ein wenig komplexer ist das alles schon.

Anfangen hat das … ja, wo eigentlich?

-Als ich vor irgendwas über dreißig Jahren diesen Zehnjährigen sah, wie er aus der Straßenbahn heraus die Passanten mit Kirschkernen bespuckte? Ein ziemlich deutsches Kind in der deutschen Provinz (ok., es gab eine Straßenbahn), das ganz sicher noch nie einen Flüchtling gesehen hatte. Wie kam das auf solche Ideen? Und wie kam das, dass alle in der Bahn (und die war voll) sich quasi heimlich tuschelnd aufregten, aber keiner etwas sagte? Inklusive Straßenbahnfahrer, an dessen Stelle ich das Kerlchen rausgeschmissen hätte.

-Als ich vor ein paar Jahren eine junge Friseurin bei ihrer Geschäftseröfnnung sah, wie sie ihrem im (eigens für ihn hin gestellten) Sessel sitzenden Großvater die Hände küsste. Einen kurzen Moment lang dachte ich, dass ich jetzt aufs Händeküssen keinen großen Wert legen, mich aber über etwas Respekt von jüngeren Menschen, insbesondere aus dem Ausland, freuen würde. Diesen Gedanken hätte ich nicht gehabt, wäre mir nicht schon so manch respektloser Umgang untergekommen. (Und dabei rede ich nicht von jenem Südsüdeuropäer, der mir vor Jahren im Büro angekündigt hat, er würde mich aus dem Fenster schmeißen, das der sommerlichen Temperaturen wegen einladend offen stand.)

– Als ich erst gestern Abend ein paar Jugendlichen unter meinem Balkon mit ihrem Ghettoblaster klar machte, dass hier Leute wohnen. Und – man höre und staune – erleben durfte, dass sie erschraken, sich entschuldigten und weiterzogen. Sie dachten, dass sei eine abends unbelebte Geschäftsstraße. Kann passieren. Was DARAN so erstaunlich ist? Hm, ich rechne mit solchen Reaktionen seit ein paar Jahren schon nicht mehr. Das grenzte ja an Wohlerzogenheit, die ich im Grunde schwer vermisse.

Man ahnt, dass zwischen diesen Jahren und Jahrzehnten sehr viel mehr liegt als nur diese drei Sachen.

Ich erinnere mich, wie meine Schwester, ihres Zeichens Grundschullehrerin mir vor ein paar Jahren erleichtert kund tat, dass sie „zum Glück!“ aus der ganzen Sache raus sei. Sie hatte ihre „kleinen Süßen“ immer geliebt und die fröhlichen Begebenheiten stets voller Zuneigung zum Besten gegeben.

Wann denn hatte das bei ihr angefangen?

Als dieser eine kleine, in der Schule nicht besonders gute Frechdachs ihr auf ihre roten Schmetterlings- („gut gemacht!“;) und blauen Mäuschenstempel („streng dich ein bissel mehr an!“;) sagte: „Na, und? sind doch bloß Stempel.“ Sie wusste noch, dass sie in diesem Moment sogar ein bisschen stolz auf ihn gewesen war, weil er das System so clever durchschaute, spürte aber ein erstes Unbehagen. Denn so viele Mittel und Möglichkeiten hat so eine Lehrerin nicht, auf die Kinder positiv einzuwirken. (Ich hingegen frage mich, warum, wenn der Kerl so clever war, er seinen Verstand nicht auf bessere Schulleistungen verwendet hat. Fast könnte man denken, in Wahrheit hat irgendwann so ein Elter gesagt, dass das „bloß Stempel“ seien.)

Extrem unangenehm sei es geworden, als die Juristeneltern (oder die, die einen Juristen kennen) alleweil in die Schule gerannt kamen und um jede Note(schon bei der „2“ beginnend) zu feilschen begannen. Schon in der zweiten Klasse. Und mit Klage drohten.

Kann man gegen Schulnoten in der Grundschule klagen? Die Frage stellt sich da nicht. Kein Lehrer und kein Direktor fühlt sich berufen, auch noch die Eltern auf die Schulbank zu setzen, und sei es nur in Sachen Erziehung.

Und dann fällt mir eine Geschichte aus meiner eigenen Kindheit ein: Im Urlaub fuhren wir fast immer nach Ungarn und waren in den Städten mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Ich (damals 8 oder 9) kannte es nicht anders, als dass Kinder nur dann einen eigenen Sitzplatz haben dürfen, wenn alle älteren schon einen Platz haben. Bei jeder Haltestelle sprang ich auf wie eine Eins, sobald ältere Leute einstiegen. Und wenn man 8 oder neun ist, ist so ziemlich jeder älter als man selbst. Mit der Zeit aber mussten wir erleben, dass ICH aufsprang und mitfahrende Mütter ihre Kinder auf meinen Platz setzten, dabei aber die wirklich alten Leute stehen ließen. Wir fanden das schamlos. Irgendwann sagte meine Mutter, als ich ein weiteres Mal aufspringen wollte, ich könne ruhig sitzenbleiben. Es sei hier wohl nicht üblich, dass man älteren Leuten seinen Platz anböte.

Eine wirklich alte Dame, die das hörte (und Deutsch verstand!), lächelte freundlich und sagte, dass es doch schön wäre, wenn die Ungarn andere, noch dazu so respektvolle Gesten sehen und lernen würde.

Dieses Erlebnis blieb für meine Mutter und mich wohl für lange Zeit eine der peinlichsten Gegebenheiten, die wir gemeinsam erlebt hatten.

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Was ich mit all dem sagen will?

Es ist noch nicht sicher, wer welches Unbenehmen von wem lernt.

Deutsche Eltern haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten schwer nachgelassen und tun sich schwer mit der Gratwanderung zwischen freier Erziehung (Erziehung überhaupt) und Konsequenz. Wo, wenn nicht im Elternhaus sollen Kinder denn lernen, was richtig und falsch ist? Der Schule und allen möglichen Kinderaufbewahrungen kann und darf man diese Aufgaben nur bedingt auflasten, denn diese müssen immer mit dem Veto der Eltern rechnen.

Ich stelle mir vor, wie so ein türkisches Mädchen, das die Friseurin dermaleinst war, im Bus sah, dass die deutschen Kinder nicht nur nicht aufstehen, wenn Ältere einstiegen, sondern sogar ihre Schultasche auf dem Nachbarsitz stehen ließen, ohne auch nur den Hauch eines Gedankens, dass da dieser ältere Mensch doch sitzen könnte. Und ich habe im Ohr die türkischen Eltern, die irgendwann zu ihrem aufspringenden Kind sagen: „Lass mal, das scheint hier nicht üblich zu sein.“

Level 24

Ältere Leute werden heute allgemein NOCH älter als früher. Sagt man.

Das Problem ist nur, dass ihnen keiner versprochen hat, dies bei guter Gesundheit und klarem Verstand zu vollbringen. Am Ende des Weges lauert die Demenz. Von Krankheiten des Körpers ganz zu schweigen.

Also: Sorgen Sie gut für sich! Halten Sie den Geist in Bewegung. Der Rest ist schon auch ein bisschen Glück.

Jeder hat da so seine Methoden.

ICH habe mich für Mahjong entschieden, schon vor Jahren. Das trainiert einerseits die Merkfähigkeit, andererseits entspannt es den Geist.

Also gut. Es KÖNNTE entspannen, wäre da nicht der Zeitdruck, den einem viele Spielvarianten auferlegen. Denn, natürlich, spiele ich nicht, tat es noch nie, mit klassischen Steinen. Ich spiele im Netz. Da schon, anfänglich, mit klassischen Steinen, aber immer mit Zählwerk im Nacken.

Entspricht das dem Geist des Spiels?

Egal. Irgendwann war ich gut, landete am Ende und es ist ziemlich blöd, wenn am Ende (man hat einen Lauf!) nichts mehr weiter geht. Pfeif auf irgendwelche Gratulationen und den Hinweis, dass man gut gespielt hat. Kann ich mir nix für kaufen.

Also sucht man ein anderes Spiel. Eines, das mehr herausfordert. Aber auch eines, das möglichst ähnlich ist. Schwerer halt, dass man sich besser fühlen kann.

Also bin ich auf 3D über gegangen. Ist irgendwie cooler, trainiert das räumliche Vorstellungsvermögen und damit das ältere Gehirn. Also das total Richtige.

War interessant. Ein paar Tage lang. Als ich mir dann irgendwann einen Zeitbonus von einer dreiviertel Stunde eingespielt hatte, wurde es schon langweiliger, auch wenn ich am Ende nach diesen einzigen zwei Steinen suchen musste, die zusammen passten, war alles ganz bequem. Ich hätte ein Nickerchen zwischendurch machen können und wäre am Ende doch noch gelobt worden. Ende bei Level zehn.

Wie blöd und langweilig.

Aber dann fand ich dieses schwarz-weiße Dingens. Das muss das alte Gehirn erst einmal kapieren. Den weißen Stein mit diesem einen Motiv killst du nur mit dem schwarzen Stein mit dem gleichen Motiv. Klingt einfach, aber das menschliche Gehirn ist ein eigen Ding. Konträres Denken als richtiges Denken … Sie verstehen. Muss Mensch lernen, der ältere gleich gar.

War ärgerlich, das jedes Mal über die Levels hinweg zu kriegen, die echt schwer waren. Und war blöd, jedes Mal von vorn anfangen zu müssen, um dann bei den gleichen Levels wieder hängen zu bleiben.

Bis, Juchu!, das Spiel oder mein Computer gelernt hatte, immer wieder da einzusteigen, wo ich aufgehört hatte. Mal von der kleinen Schlappe neulich, als ich den falschen Button und auf „Neu anfangen“ drückte, abgesehen.

Seither schaue ich genauer hin, ehe ich irgendwo drauf drücke. Was nichts daran ändert, dass ich hänge. Auf Level 24. Und zwar schon seit Tagen. Level 24 von 40. Was einiges für die Zukunft verspricht. Schließlich sind die anderen Mahjong-Spiele inzwischen ziemlich langweilig.

Ich frage mich, wie lange das wohl anhalten wird. Wird das wohl reichen bis ans Ende meiner Zeit? Und … wird mich das wirklich vor Demenz bewahren? Oder gehe ich mit Level 24 geradewegs in die Demenz?

Broken Windows

oder: I can`t breathe 2014

Als 1982 Wilson/ Kelling ihre Theorie veröffentlichten, dass erste Anzeichen der Verwahrlosung wie zerbrochene Fensterscheiben, so sie nicht behoben werden, imnu einen ganzen Rattenschwanz an Verwahrlosung und letztlich Kriminalität nach sich zögen, hielten das viele für so schlüssig, dass man seitens der Polizei eine Nulltoleranzstrategie als nützlich ansah.

Bill Bratton, 1994 zum New Yorker Polizeichef berufen, setzte diese Strategie radikal ein, um wieder Ordnung auf die Straßen seiner und später anderer Städte zu bringen.

Wer ein Bier auf der Straße trank, sein Autoradio zu laut hatte oder in der U-Bahn schwarz fuhr, musste ab nun mit rigider Ansprache und sogar Festnahme rechnen.

Zwar wurde aus der amerikanischen Polizei dank dieser Strategie und aufgestocktem Personal kein „Freund und Helfer“, aber das Gefühl der Sicherheit wuchs wieder und sehr bald konnte man sogar eine Verbesserung der Kriminalstatistik* vorweisen.

Dass dabei gelegentlich und immer wieder „Unfälle“** geschahen, war nicht nur der Akzeptanz dieser Methode zu verdanken, sondern auch der reichlich kurzen, dafür strengen Ausbildung der Ordnungshüter.

Gelegentlich lese ich in letzter Zeit, man wünschte sich eine ähnliche Vorgehensweise hierzulande. Um all dieses „Grobzeuch“ zur Räson zu bringen, das da allen möglichen Ärger auf unseren Straßen veranstaltet.

George Floyd war nicht der Erste und nicht der Letzte, der nicht mehr atmen konnte und letztlich starb. Und man darf sich schon fragen, ob die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung jedes Mittel und jedes Opfer wert ist.

Darüber hinaus aber sollte man sich fragen, ob diese Vorgehensweise gegen die eigene Bevölkerung wirklich noch mit Recht und Ordnung zu tun hat. Denn die, glaubt der kleine, naive Demokrat, hätte ja dann auch etwas mit der Polizei zu tun.

Dem Polizisten, der Eric Garner mit dem damals bereits verbotenen Würgegriff nieder rang und schließlich – ohne auch nur den Versuch einer Wiederbelebung – zu Tode brachte, geschah juristisch nichts.

Und auch die Polizeistatistik, der es seither so gut zu gehen scheint, steht in Zweifel. Zum Einen, weil angenommen wird, dass eben wegen dieser harten Vorgehensweise gegen übrigens hauptsächlich Mitglieder der Minderheiten eine nicht unbegründete Scheu vor Anzeigeerstattung besteht ( Ein Vergewaltigungsopfer berichtet, sie sei so hart befragt und jede ihrer Antworten derart in Frage gestellt worden, dass sie letztlich ihre Anzeige aus Angst vor weiteren Anschuldigungen zurück gezogen habe.), zum Anderen, weil Kriterien für die Aufnahme in die Kriminalstatistik stark geändert worden seien. Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt.

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In diesem Zusammenhang sollte auch Pillip Zimbardo nicht unerwähnt bleiben. Wer seinen Namen nicht kennt, kennt jedoch sein Stanford-Prison-Experiment, bei dem Studenten sich als Gefangene und Wächter eines fingierten Gefängnisses zur Verfügung stellten. Das katastrophale Ergebnis wurde verfilmt und ging ebenso wie das Milgram-Experiment (das am Rande des Films „I wie Ikarus“ auch Erwähnung findet) in die Psychologie-Geschichte ein. Beides als vermeintlicher Nachweis dafür, dass Menschen in ungünstiger Umgebung immer ihre schlechtere Seite zeigen.

Zimbardo hat, was bei Milgram sehr wohl erkennbar wird, in seiner Experiments-Dokumentation zu erwähnen vergessen, dass die Wächter-Probanden extrem unter Druck gesetzt wurden, sich so zu benehmen, wie sie das letztlich taten. Lust hatten sie dazu keine, wie auch bei Milgram die „Lehrer“ zu einem großen Anteil die von ihnen (vermeintlich) erteilten Stromstöße nicht richtig fanden

Man darf sich fragen, wie erfolgreich Experimente sind, deren Resultate nur durch Druck in die gewünschte Richtung gehen. Und man darf sich auch fragen, von was für einem Menschenbild derlei Experimente ausgehen.

*https://idw-online.de/de/news629817

**https://de.wikipedia.org/wiki/Todesfall_Eric_Garner

https://www.focus.de/panorama/welt/auch-sie-riefen-i-can-t-breath-neue-videos-von-toedlichen-polizeieinsaetzen-aufgetaucht_id_12090030.html

Und beim nächsten Mal erzähle ich, wie die USA beinahe(!) so menschliche Gefängnisse wie die Norweger bekommen hätten, dank Zimbardo aber nicht bekamen, dieser aber den Folter-Knecht von Abu-Ghraib nach Kräften verteidigte.

Immer, wenn es regnet, muss ich an dich denken

Und zwar doppelt.

Einerseits an Harald Lesch, der mir dermaleinst erzählte, wie Universum, unser Sonnensystem und letztlich die Erde entstanden.

Es gibt da diese Passage, in der erklärt wird, wie und woher das viele Wasser auf unserem Planeten kam.

Stellen Sie sich den schlimmsten Monsunregen vor, sagt er da in etwa, und verzehnfachen Sie diese Vorstellung. Es hat geschüttet wie aus Eimern und das 40.000 Jahre lang.

Man stelle sich DAS bloß vor!

Folglich denke ich zwar auch, aber viel weniger an ANNA

als an Lesch.

Behütete Kinder

Auf Phoenix sah ich beim Durchknöpfeln eine Frau, die über Kinder berichtete. Nicht wegen Corona, sondern ganz allgemein. Sie sagte, dass zwischen 1950 und irgendwann Kinder in Kurheime geschickt worden seien, wo man alles andere als kindgerecht mit ihnen umgegangen sei.

Kinder seien dort geschlagen, gequält und zum Essen gezwungen worden. Nicht einmal, wenn sie sich auf den Teller erbrochen hätten, wären die Erzieher/innen beeindruckt gewesen.

Ich erinnere mich, dass auch unsere Mutter die Angewohnheit hatte, mich regelmäßig irgendwo hin zu schicken. Kinderkurheim, Ferienlager. Für mich machte das keinen so großen Unterschied. Ich fand beides nicht so doll, erinnere mich aber, dass Kinderkurheime tatsächlich einen Ticken schlimmer waren.

Das erste Mal, mit neun, wurde ich an die Ostsee geschickt. Und zwar gerade zu der Zeit in der ich Geburtstag hatte. Meine Eltern hatten mir zum Geburtstag ein Päckchen mit Süßigkeiten geschickt, das um den Tisch herum gereicht wurde. Und jeder durfte sich etwas nehmen. Als das Päckchen schließlich bei mir, dem Geburtstagskind, ankam, war es leer.

Im gleichen Kurheim warteten wir Kinder sehnsüchtig, dass wir, so nahe am Strand, endlich einmal ins Wasser durften. Es ging die Rede, dass das erst möglich sei, wenn die Luft 20 Grad warm sei. Endlich kam der Tag, an dem alles passte, es war der vorletzte, aber wir gingen nicht an den Strand, sondern unter sengender Sonne Heidelbeeren pflücken.

In einem anderen Lager  Heim, ich war inzwischen zwölf, blieb die Erzieherin tatsächlich so lange mit mir, die ich kein unterernährtes Kind war, im Speisesaal sitzen, bis ich das ungewohnte Essen auf den Teller erbrach. Dies schien sie zufrieden zu stellen. Als ich, kurz zuvor, mit eben der gleichen Übelkeit in die Toilette rennen wollte, hielt sie mich fest und sagte so etwas wie dass ich hier keine Show abziehen sollte.

Ich WEISS diese Dinge noch. Ich fand sie damals fürchterlich und kann sie auch heute noch nicht gutheißen. Jedoch haben sie mir nicht so nachhaltig geschadet, dass ich da auf irgendeine Aufarbeitung drängen würde.

Sowieso frage ich mich, wem die Aufarbeitung von so etwas nützt. Gesetzt den Fall, ich hätte tatsächlich einen Schaden davon getragen … was sollte da eine Aufarbeitung korrigieren können? Die Lebensjahre sind vorbei und wären im Schadensfall halt deutlich anders gewesen als ohne diese Sachen. Wem denn wäre geholfen, wenn man einvernehmlich feststellt, dass das wirklich Scheiße war? Was es sicherlich war.

Es könnte ja doch heute nicht mehr vorkommen, weil einerseits kaum noch Kinder irgendwo hin alleine fahren. Und wenn, sie sofort ihre Handys zücken und Mama anrufen würden. Die sich allsogleich, egal zu welcher Tageszeit, auf den Weg und ein Mordstheater machen würde. Sowieso fahren Kinder heute zumeist mit ihren Müttern in Kur, egal wer eine braucht, ob nun die Mutter oder die Kinder. Mama ist immer dabei.

Schon wahr, die Zeiten damals waren härter. Kinder sind allein draußen spielen gewesen, haben sich gar geprügelt. Was ich hasste, aber doch auch nicht vermeiden konnte.

Vermeiden kann ich lediglich, und das tue ich wacker, die „Befreundung“ mit D.H. auf dieser Schulwebsite, der sich wirklich ständig und mit Jedermann prügelte und vor dem wir alle Angst hatten. Heute natürlich weiß ich, dass der es auch nicht leicht hatte. So allein mit seiner berufstätigen Mutter, die kaum Zeit für ihn hatte und vermutlich öfters mal unleidlich war, denn gut in der Schule war er auch nicht. Sehe ich heute das Bild von ihm, ahne ich, dass er von dieser Kindheit Schaden genommen hat und kriege Mitleid. Was nichts daran ändert, dass ich mit ihm nichts zu tun haben will.

Ich mache meiner Mutter keinen Vorwurf, mich in diese schrecklichen Lager Heime geschickt zu haben. Dort war ja nicht alles schlecht. Wir haben viel unternommen (Trockenbürsten und Kaltwaschen habe ich gerade letzthin wieder für mich entdeckt) und viel gesehen, was unsere Eltern uns nicht hätten bieten können. Und außerdem verstehe ich, dass es eine Erleichterung war, bei damals immerhin noch drei Kindern in einer zweieinhalb-Zimmer-Wohnung gelegentlich eines mal für ein paar Stunden oder bestenfalls Wochen fortschicken zu können.

Ich verstehe vieles, aber noch am Wenigsten, dass erwachsene Menschen, die ich – im Phoenix-Bericht hängen geblieben – auch sah, noch Jahrzehnte später akribisch Unterlagen dieser Kindheitserlebnisse aufblättern und … ja, was eigentlich sich erhoffen?

Der Begriff Resilienz kommt mir, die auch ich allerhand andere kindliche Missbefindlichkeiten erinnere, in den Sinn. Wer so nachhaltig leidet unter Dingen, die Jahrzehnte her sind, fehlten dem die psychischen Ressourcen, seinem ehemaligen Leid etwas Besseres, Positiveres, Sinnstiftenderes entgegen zu setzen?

Keine Ahnung. Neben einem Bedauern ist da auch Unverständnis.

 

 

 

Sonntags

Es ist nicht wahr, dass in diesen Tagen jeder Tag ein Sonntag ist.

Denn Homeoffice ist auch arbeiten. Eigentlich noch mehr. In Woche soundsoviel habe ich wenigstens gelernt, die Sache wieder wie einen Job zu behandeln. Ich setze mich morgens, geduscht oder nicht, mehrheitlich aber schon, weil frau sich das schuldig ist, an die Kiste und schaffe durch bis die tägliche Stundenanzahl geschafft ist. Das war nicht immer so. Anfangs guckte ich mal nach den Pflanzen draußen, kochte zwischendurch oder ging auch mal einkaufen. Mit dem Resultat, dass ich die Zeit aus den Augen verlor und am Ende mehr arbeitete als ich wirklich gemusst hätte. Weil man ja das in einen gesetzte Vertrauen rechtfertigen muss.

Erst als die Chefin dennoch maulte, dachte ich: Dann eben nicht.

Inzwischen ist mir egal, ob die Technik schnell oder langsam läuft. Dafür bin ich nicht verantwortlich. Ich tue nach der Uhr. Und mache Feierabend nach der Uhr.

Und so ist ein Feiertag ein willkommener zusätzlicher freier Tag. Und ein Samstag ist ein Tag, an dem man einkaufen gehen kann, aber nicht muss, weil von allem mehr als genug da ist (selbst das Klopapier stapelt sich inzwischen wieder in den Supermarktregalen). Und der Sonntag ist der Tag der Kultur. Immer schon.

Die inzwischen dicker gewordene Frau könnte sich vor die Staffelei stellen, was sie sich schon seit einer Reihe von Tagen vorgenommen hat. Aber als sie das das letzte Mal versuchte (da war es draußen noch richtig warm und ein Luxus, auf dem Balkon zu malen), kam nix Gescheites dabei raus. Man kann sich nicht einfach hinstellen und etwas machen; man muss mit der Seele dabei sein. Da fehlt´s gerade eben.

„Draußen hängt die Welt in Fetzen,

lass uns drinnen Speck ansetzen.“ (Fritz Eckenga Rettungsreime Kunstmann 2002)

kommt mir in den Sinn.

Der Blick auf die Waage dieser Tage war erschreckend. Beim Hochwasser würde man es „Höchststände“ nennen.

Ich setze mich also vor die Kiste, spiele ein, zwei, drei Runden 3D-Mahjong, was ich dieser Tage oft tat; mein Spielstand hat sich deutlich verbessert. Denke auf dem Klo, das durch die neue Lampe viel besser ausgeleuchtet ist und jeden Makel erkennen lässt, darüber nach, wie Ordnung herzustellen ist. Suche hernach im Netz nach Lösungen, die so übel nicht aussehen und erschwinglich sind. (Mit dem Kauf zögere ich noch. Drum prüfe, wer sich ewig bindet …). Dieses Telekop-Dingens sieht ganz ok aus, wären da nicht die Plastikschalen. Metall wiederum (auch da gibt es etwas durchaus Praktisches) läuft nach kurzer Zeit an.

Keine Entscheidungen heute.

Im Fernsehen höre ich (Blick auf die vierte Runde Mahjong), dass Ulysses das Buch zur Zeit ist. 1140 Seiten oder 38 Stunden Hörtext, die einen einzigen Tag beschreiben, entsprächen ziemlich gut der entschleunigten Lebensweise, wie wir sie gerade durchmachen. Ich bin schon nach der Hörprobe erschöpft. Nein, nein und nein, frau sollte sich nie und nimmer etwas antun, nur weil MAN das eben mal gemacht haben muss.

Während ich mir etwas zu Essen machen, fällt mir eine durchaus wertige Verwendung der drei Erdbeeren ein, die da noch herumliegen. War da nicht diese Sache mit Pfeffer und Co., mittels derer man die Erdbeeren auch zu herzhaften Sachen verwenden konnte? Beim Anrühren fällt mir dieses Buch ein, das ich hörte, als ich das zum ersten Mal probierte. Also das mit den Erdbeeren. Ich schaue mir beim Essen in der Kiste an, wer das noch gleich geschrieben hat. War eigentlich ganz nett. Vielleicht hat die Schreiberin inzwischen etwas Neues gemacht? Stelle fest, dass das Buch vom Tatortreiniger gelesen wurde, den ich damals noch gar nicht, inzwischen jedoch doppelt kenne, nämlich auch als leicht vertrottelten Dorfpolizisten.

Erstaunlich, wie manche Dinge so lange verweigert werden und erst sehr spät eine gewisse Bedeutung erlangen.

Gestern hörte ich die Teile des letzten Buches* an, die ich letzthin verschlafen hatte. Es tat der Sache zunächst keinen Abbruch. Ich wollte wissen, wie es ausgeht und war eigentlich nicht darauf gefasst gewesen, einen Weltuntergangsroman zu hören.

Am Ende ging die Welt nicht unter. Die Menschen hatten, ähnlich wie wir heute, die Fassung bewahrt und all das.

Und noch immer konnte ich mich nicht für ein neues Buch entscheiden. Inzwischen habe ich schon zwei Guthaben. Das ist mir noch nie passiert.

Ach, auch egal.

Draußen

hängt

die

Welt

in

Fetzen,

lass

uns

drinnen

Speck

ansetzen.

 

 

*Der Wal und das Ende der Welt
Autor: John Ironmonger Argon-Verlag 2019

La Donna Mobile

Nein, nein, und nochmals nein.

Ich rede heute nicht und niemals wieder über Corona oder das, was es mit uns macht. Nicht über den Mangel an Sozialkontakten, nicht über Mütter und Großmütter, die an ihrem Geburtstag froh sein müssen, wenn Kinder und Enkel anreisen, um für zehn Minuten vor dem Balkon zu stehen. Nicht über Home-Office und langsam dahin schleichende Technik.

Über all das rede ich nicht.

Sondern über Opern, die ich eigentlich nicht mag.

Aber … einst sagte mir jemand, dass gewöhnungsbedürftige Musik sich mit der Häufigkeit des Hörens in unsere Ohren schleicht. Und zwar dauerhaft. Was durchaus bedeuten kann, dass wir von Jahrzehnten oder beinahe einem ganzen Leben reden.

Ich also mag Opernmusik nicht. Weil ich es albern finde, wenn sie – sei die Attacke auch noch so rabiat gewesen – dort minutenlang(!) sterben. Und dabei die Kraft haben, das singend zu begleiten. Im Ohr habe ich dabei wahlweise einen Bass, allenfalls Bariton, der im Dutzend verkündet, und zwar singend: „Ich sterbe! Ich steeerbe! Ich steeeeerbe!“

Na, Sie wissen schon.

Was natürlich albern ist.

Denn wer so lautstark sein Sterben verkünden kann, kann so halb- oder beinahe-tot ja nun nicht sein. Denn dieses Gesinge kostet allerhand Kraft.

Aber, klar, das ist nur eine Analogie. Ich kenne keine Oper, in der jemand singt, dass er stirbt. Aber es könnte durchaus sein, weil … in Opern singen sie ALLES. Wären sie so drauf wie wir das heute sind, sängen sie wohl auch: „Mir sitzt ein Puuups quer!“

Ungemocht oder nicht – der Wiedererkennungsfaktor (s.o.) tut das Seine. Und irgendwann haben wir das Gefühl, dass diese Sache, so blöd wir sie einst fanden, so schlecht dann auch wieder nicht ist.

In meiner Kindheit wohnte über uns Familie R., die aus Mutter (um die 80) und Tochter (um die 50) bestand und ein Klavier und einen Plattenspieler hatten zu einer Zeit, wo es in der Nachbarschaft weder das Eine, noch das Andere gab. Ich erinnere nicht viel Klaviergeklimper, aber dafür sehr viel Opernmusik. Von Schallplatten.

Die Wände und Decken waren nicht sonderlich dick.

Und ich erinnere, dass die Leute damals noch ziemlich häufig Operetten mochten. Dieser Kerl mit seiner Sendung „Erkennen Sie die Melodie“ wusste, worauf er setzte. Die Leute kannten die Melodien irgendwie alle. Freilich war das das leichtere Fach. Und im Gegensatz zu den Opernleuten durften die aus der Operette manchmal sogar einfach nur reden. Das taten die in der Oper ja nie, weil sie eben ALLES sangen.

Die beiden Damen da über uns waren schon sehr eigen und auch irgendwie vornehm. Sie hatten nie irgendwo anders gewohnt als in eben diesem 1929 gebauten Haus, was mir besonders auffiel, als ich mit der Tochter, die nach dem Tod der Mutter eine kleinere Wohnung suchte, tauschte. Diese war mit dem Umzug, wer konnte es ihr verdenken?, haltlos überfordert, und froh über jede Sache, die sie in der alten Wohnung zurück lassen konnte. Darunter das Klavier, das bespielen zu können ich mich als Kind nach oben fragen zu gehen getraut hatte. Mit wenig Erfolgt. Die alte Dame sah mir wohl an, wie wenig ernsthaft mein Interesse war. Ich hätte, ihrer und jeder anderen vernünftigen Meinung nach, Unterricht nehmen sollen, um mir den Zutritt zu verdienen.

Dass das Klavier dann doch bei mir und später beim Kochduell (Ich hätte heulen können, als ich es in einer Sendung aus meiner Heimatstadt sah!) landete, wäre ihr wahrscheinlich nie in den Sinn gekommen.

Inzwischen trage ich diese und andere Sachen mit Fassung, auch wenn ich noch heute stolz auf dieses kleine Mädchen bin, das sich am roten fauchenden Kater der Nachbarn schräg drüber vorbei zu der durchaus distanzierten Dame von oben wagte, um, deren stets kläffendem Dackel trotzend, die Frage nach der Klaviernutzung vorzubringen.

Das Klavier, das sich ein paar Erwachsenenjahre in meinem Besitz befand, machte weder aus mir eine Virtuosin, noch meine Tochter, die ich tatsächlich zum Unterricht schickte, glücklich. Nach weniger als einem Jahr erklärte mir die Lehrerin, dass es schade ums Geld sei und vielleicht auch nicht so schön, mein Kind zu etwas zu nötigen, was ihm selbst so gar nicht läge.

Und vielleicht sind DINGE, die wir für unsere Kreativität benötigen, ja am Ende auch gar nicht so furchtbar wichtig. Ein Klavier, Kreuzspannung, übrigens mit einem Riss hinten, der bei irgendwelchen Transporten der Funktion durchaus hätte abträglich werden können, macht nur den glücklich, der sich danach sehnt. Sehnsucht war da keine, nur ein Ehemann, der gelegentlich „Für Elise“ darauf spielte, was so ziemlich das Einzige war, was er beinahe fehlerlos spielen konnte.

Erfreuen wir uns also an den Dingen, die wir bei und in uns haben. Zum Beispiel die Resultate des schwesterlichen Gesangsunterrichtes. Klassisch, natürlich, wo man lernt, die Töne nicht nach oben zu quälen, sondern, von oben aufzusetzen.

Was mir heute die „La Donna Mobile“ in den Kopf und auch die Stimmbänder schickte, vermag ich nicht zu sagen. Aber ich fand, ich habe das, ohne je selbst Gesangsunterricht gehabt zu haben, gar nicht so übel gemacht.

Und wenn es meinen Nachbarn nicht gefiel … mir doch egal!

 

 

 

Die Welle

Es gab eine Zeit, in der ich von Bildern träumte.

Was kein Wunder war, denn vorm Einschlafen dachte ich an das Bild, das ich gerade malte. Ich ging Schritt für Schritt durch, wie ich es anfangen würde. Und ich dachte, fühlte dabei, was für eine Freude es sein würde, wenn es in der Praxis so gelänge, wie ich Anfängerin mir das im Vorhinein vorstellte.

Und manchmal wachte ich morgens lachend auf, weil ich gerade von irgend einem Bild geträumt hatte, das mir ganz schrecklich gut gelungen war.

Mein ganzes Leben schien in dieser Zeit nurmehr aus Bildern zu bestehen. Ich machte morgens vor der Arbeit noch ein paar Pinselstriche, die mir in der Nacht als ganz wichtig eingefallen waren. Ich freute mich nach der Arbeit auf die Staffelei. Und oft musste ich mich mit dem Gedanken an die Arbeit am nächsten Tag von da losreißen. Nicht selten, um in der Nacht aufzuwachen, weil ich irgend etwas ganz Wichtiges am nächsten Tag wahrscheinlich vergessen haben würde. Manchmal, im Sommer, sah ich da vom Atelier aus die Sonne aufgehen und haderte mit mir, ob ich vor der Arbeit noch eine Stunde schlafe oder mich gleich fertig mache.

Auch wenn ich nach mehr als zehn Jahren glaube, noch immer nicht wesentlich mehr als ein Anfänger zu sein, habe ich mich doch an bestimmten Themen abgearbeitet. Gesichter kann ich ganz gut. In der Zeit mit dem Grafiktablett war ich fasziniert, was da so alles geht.

rote haare alte frau

Aber es gibt auch eine Menge Themen, an denen ich mich über die Jahre immer mal wieder abarbeite, ohne mehr als nur Zufallserfolge zu haben.

Wasser und Himmel sind solche Sachen. Wie malt man das, ohne dass es wie ein Kinderbild aussieht?

Nach meiner Erfahrung, vielleicht auch MIT (nur) meiner Erfahrung, malt man solche Bilder am Besten großzügig, irgendwo am Rande des Abstrakten.

wasser 2

wasser 1rauschendes meer

Immer dann, wenn es Kleinpusselig wird, beginnen die Probleme.

wasser 3

wale

 

Entweder es sieht WIEDER wie ein Kinderbild aus (Wobei, das mal angemerkt, ich nichts gegen Kinderbilder habe. Sie sind echt und sagen viel aus. Aber irgendwo muss man doch den Unterschied zwischen dem, was Kinder oft sehr intuitiv machen und dem, was nach über zehn Jahren intensiver Übung passiert, unterscheiden können.)  oder man pusselt sich dumm und dusslig. Dafür bin ich zu ungeduldig. Und ich denke, es muss irgend einen Mittelweg geben.

Ich sah mal das Bild von einem im Internet (und ich find´s ums Verrecken nicht; soviel dazu, dass das Netz nichts vergisst), der hat eine große schwarze Welle gemalt. EINE einzige Welle. Links oben im Bild ein graues Stück Himmel. Man sah, dass es ein übler Tag war, an dem man, in welcher Art Schiff auch immer (Einmal war ich bei hohem Wellengang auf der Überfahrt von Kiel nach Norwegen. In der Bar des Schiffes schafften es nicht einmal die sicherlich geübten Kellner ohne zu schwanken und ohne Bruch die Bestellungen an die Tische zu bringen. Am nächsten Tag hörte ich, die Wellen seien um die zehn Meter hoch gewesen. Das also braucht es, um ein Hochhaus auf dem Wasser unruhig werden zu lassen.) lieber nicht auf dem Meer unterwegs sein wollte, wenn man nicht muss.

Der Maler, der das, was schon sehr nach einem Foto aussah, gepostet hatte, schrieb – wenn ich mich recht erinnere – er male da schon ein ganzes Jahr dran. Eine für mich vollkommen unvorstellbare Sache. Natürlich hat der inzwischen auch andere Sachen gemacht, nehme ich an, vielleicht auch andere Sachen gemalt. Aber sich unentwegt wieder an dieses eine Bild zu setzen und noch einmal und noch einmal …

Als ich ganz genau hinsah, begann ich zu verstehen. Diese Monsterwelle neben etwas grauem Himmel war ja nicht nur eine schwarze Wand, sondern man konnte erkennen, wie diese große Menge aufgepeitschtes Wasser sich anhob zu einer riesigen Woge, die ganz langsam abfiel und in vielen kleinen Wellentälern herabsenkte. Die Kraft von Wind und Wasser waren so groß, dass kaum Gischt entstand (ein Mittel, das Gefälligkeitsmaler oft mit viel Gefühl in ihre Meeresbilder einarbeiten; auch ich bin davon nicht frei, obschon Gischt auch eine einzige Kleinpusselei ist). Majestätisch also senkte diese Monsterwelle sich herab in ein Wellental, während unter dem grauen Himmel das nächste Monster sich anzubahnen schien. All das in feinsten Nuancierungen aus Schwarz und weiß. Auch der Himmel natürlich war nicht homogen grau, sondern ein aufbauschendes Unwetter in nur wenigen Nuancen. Jedoch gerade die ganz wenigen Nuancen machten die Szenerie so bedrohlich.

Anfänger wie ich neigen dazu, in so ein Wasser oder einen Himmel wahnsinnig viel an Farben hinein zu interpretieren. Was zu unterschiedlichen Zeiten sicherlich stimmt. Aber selten zur gleichen Zeit. Die Kunst liegt, so ahne ich wenigstens theoretisch, darin, die zarten Übergänge für eine ganz bestimmte Stimmung zu erfassen.

Jetzt, da ich das alles schreibe, kriege ich wieder Lust, mich an diesem Thema ein weiteres Mal zu versuchen, auch wenn ich die Ahnung habe, dass ich genauso scheitern werde wie bei all den anderen Versuchen vorher.

Die gestohlenen Worte

Menschen lieben Geschichten. Schon seit jeher. An Lagerfeuern, beim Spinnen, vor dem Schlafengehen. Ja, auch im religiösen Rahmen.

Menschen hören von anderen Menschen, ihren Schicksalen, ihren Heldentaten und sind davon so gefangen, dass sie ihr eigenes kleines, oft nicht sehr spannendes Leben für einige Zeit vergessen, aber auch gleichzeitig für ebendieses kleine Leben inspiriert werden. Wenn DER das konnte, kann ich vielleicht nicht das genau Gleiche, aber doch etwas ähnlich Heldenmutiges.

Und dieser Heldenmut braucht, das ist klar, große Worte, GANZ GROSSE Worte. Die den nötigen Rahmen schaffen, beeindrucken, Anreize liefern undundund …

Große Worte fallen nicht vom Himmel. Vielmehr fügen große Dichter und Denker sie auf gekonnte Weise aneinander. Und wenn sie das gut machen, prägen sich uns die ganz großen Worte tief in unser Denken ein.  Manch einer mag sogar so beeindruckt sein, dass er ein paar von diesen Worten und Sätzen auswendig lernt, um sie sich selbst und auch anderen bei passender Gelegenheit vorsagen zu können, auf dass sie nicht minder beeindruckt sein mögen.

Aber es gibt auch die anderen großen Worte, die sich uns von ganz allein einprägen, die sich vielleicht sogar ins Gedächtnis ganzer Generationen einprägen.

Das geht von „Wollt ihr den totalen Krieg“, was zwar keine Sternstunde unserer Geschichte war, aber Zeugnis über eine Zeit ablegt, bis hin zu „Ich bin ein Berliner.“, womit Kennedy nicht das Bekenntnis ablieferte, Einwohner dieser Stadt oder auch nur ein Fettgebäck zu sein.

Das mediale Zeitalter, in dem wir jederzeit irgendwelche Filme, Geschichten mit Bildern, sehen können, allerdings bewirkt einen Effekt, den die Menschen damals am Spinnrad nur schwer haben vorausahnen können: Worte werden flach.

Da, wo wir seinerzeit in tragischen Situationen (einer ist bei einem Unfall gestorben) schwerst nach Worten rangen, weil solche Dinge eben nicht so oft passieren und man gar nicht wirklich weiß, wie man dem verbal angemessen begegnen kann, ist dank medialer Überflutung eine beliebige Abrufbarkeit aller möglichen Floskeln entstanden, die ich wirklich erschreckend finde.

Was denn ist angesichts einer solchen Situation, die wir medial schon x-mal sahen, noch der Satz „Es tut mir so schrecklich leid.“ wirklich wert? Wir können ihn in Filmen direkt voraussagen, weil so viel anderes ins Textbuch gar nicht passen würde. (Und erschrecken angesichts der tatsächlich im Film ausgesprochenen Worte darüber, wie voraussehbar doch unser alltäglich Bestürzung über irgendwas ist.)

Mittlerweile ist praktisch JEDER, dem angesichts eines tragischen Ereignisses spontan ein Mikrophon vor den Mund gehalten wird, gewappnet, eine von diesen Floskeln, die wir alle nur zu gut kennen, ebenso spontan rauszuhauen. Wir wollen keinen totalen Krieg, sind auch keine Berliner, aber jederzeit „total betroffen“, sogar dann, wenn wir erst durch den Interviewer erfahren, was da gerade passiert ist.

Manchmal, denke ich mir, ist weniger mehr.

Der Mann, der angesichts eines tragischen Ereignisses dem Reporter abgewunken hat, weil er nichts sagen konnte und die Tränen in den Augen hatte, hat mich viel mehr beeindruckt, als all die Wichtigheimer, denen die Worte zwar glatt über die Lippen gingen, die aber keinerlei wirkliche emotionale Regung dabei zeigten.