Das Universum

Als wir Kinder waren, lebten wir mit der Idee, dass eines Tages ALLE ins Weltall fliegen würden.

Inzwischen haben sich unsere Vorstellungen relativiert. Denn es ist eine sauteure Sache und führt uns ziemlich nirgendwo hin, weil alles, was von Interesse wäre im Weltall, so weit weg ist, dass wer auch immer startet die Ankunft nicht erleben wird.

Abgesehen davon beginnen wir zu begreifen, dass unsere Welt ein Glücksfall ist, wie man ihn nicht an jeder Ecke des Universums noch einmal findet. Warum also losfahren zu Welten, die Gasriesen sind oder überhaupt Riesen (deren Schwerkraft uns zu Boden ziehen würde), die zu nah an oder zu fern von ihrer Sonne sind? Welten, die womöglich giftige Atmosphären haben oder Lava spuckende Untergründe?

Es gibt unseres Wissens nicht viele Planeten von unserer Sorte, aber – wenn wir ehrlich sind – wissen wir auch noch nicht sehr viel.

Es ist kaum zwei Jahrzehnte her, dass wir überhaupt Mittel und Methoden gefunden haben, andere Planeten zu finden. Wer damals nach Planeten außerhalb unseres Sonnensystems gesucht hat, wurde in seinen Kreisen als allzu phantasievoll belächelt. Denn … selbst wenn es sie gäbe … Planeten sind dunkel. Wie will man sie über solche Entfernungen finden, wo wir doch Jahrhunderte brauchten, das Verständnis fürs eigene Sonnensystem zu bekommen?

Dennoch gibt es immer wieder Filme, in denen Menschen das tun: ins Weltall fliegen. Und sie erleben merkwürdige, abenteuerliche Dinge. Und weil sie nicht Jahre und Jahrzehnte lang in der Schwerlosigkeit schweben können, baut man ihnen im Film rotierende Raumschiffe, die eine Schwerkraft haben.


Vorhin stand ich auf dem Balkon und sah zum dunklen Horizont. Da war ein Stern (oder wars die Venus?) knapp am Untergehen. Ich stand wirklich nur kurze Zeit da und sah Stern oder Venus verschwinden, innerhalb einiger Minuten. Und ich dachte so bei mir: So schnell also dreht sich die Erde!

Und ich fragte mich: Warum wollen die alle raus ins Weltall? Sind wir da nicht schon?

Mit einer Art Riesenraumschiff, das rotiert, um Schwerkraft zu erzeugen, das Gärten, Wälder und Farmen hat, um die Reisenden zu versorgen, das eine eine großartige Ventilation hat. Nur an der unschädlichen Entsorgung der Abfälle müssen wir noch arbeiten.

Wir reisen durch das Weltall. 365Tage um die Sonne ( der Pluto hingegen schaffte nicht einmal eine Umrundung, ehe man ihn vom Planeten zum Zwerg erklärte.). Und die Sonne umkreist was oder wen? Und der/die von der Sonne Umkreiste umkreist wiederum seinerseits wen oder was?

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Vielleicht, denke ich, hätte sich Herr Shatner in seinem hohen Alter das nicht antun müssen. Einen Flug mit einem Raumschiff. Hernach sah er nicht wirklich gut aus. Denn eigentlich ist er doch alle Tage auf einem Flug durch das All.

Sprachengewirr

Als ich 15 war, fing mein Vater an, mit mir polnisch zu sprechen. Was mehr als eine Kleinigkeit zu spät war.

Zum Einen, weil Pubertäre eh nie tun, was man von ihnen verlangt, zum Anderen, weil eben kleine Kinder viel leichter Sprachen lernen.

Tja, Chance verpasst.

Dabei hätte er es besser wissen müssen. In Oberschlesien aufgewachsen, war er selbst von vornherein dreisprachig (Deutsch, Polnisch, Schlesisch), was ihm später nicht nur weiteren Spracherwerb, sondern auch manche Lebenslage erleichterte. Ich schätze, man (ent)kommt ohne halbwegs relevante Sprachkenntnisse nicht russischer Kriegsgefangenschaft, ohne entdeckt zu werden.

Zwar ist jetzt Polnisch nicht die allerschönste und auch nicht die weltmännischste Sprache. Aber darauf kommt es nicht an. Hat man erst einmal eine Fremdsprache im Repertoire, fallen die nächsten zwei, drei und so fort gar nicht mehr ganz so schwer. Und DAS ist dann weltmännisch.

Gleichwohl … gerade eben sehe ich einen polnischen Film (Vater fände es total prima, das im Original zu hören, genau so wie er damals Stanislaw Lem im Original las.) und klebe seit einer halben Stunde an den Untertiteln. Aber das Ohr ist ja deswegen nicht abgeschaltet. Ich höre mich wieder ein, erkenne mehr und mehr Floskeln, die längst vergessen schienen und vielleicht …

Es ist wie damals auf diesem Marktplatz am Balaton. Ein bisschen fühlte es sich an wie ein Nachhausekommen; fast alle Ferien der Kindheit hatte ich dort verbracht. Und plötzlich hatte ich nicht nur dieses bekannte Gefühl, sondern ich verstand. Mehr und mehr.

Das, denke ich mir, waren schließlich nur Ferien und eine Marotte meines Vaters. Wenn ich woanders leben würde, könnte es mir nicht passieren, dass ich Jahre und Jahrzehnte weiter in meiner Sprache bleibe. Das ist vielleicht ein Erbe meines Vaters, denke ich mir, der immer offen für weitere Sprachen war.

Schränke

Meine Leser erinnern sich vielleicht: Vor einiger Zeit dachte ich darüber nach, dass ich meinen Kindern bei meinem Ableben eine ordentliche, quasi besenreine, Wohnung hinterlassen möchte. Einiges an Sortier- und Aufräumarbeiten habe ich auch bereits erledigt.

Aber … ich bin ja noch nicht tot und beabsichtige auch nicht, dies in Bälde zu sein. Vielmehr beabsichtige ich, in Bälde in Rente zu gehen. Was eine erfreuliche Sache ist. Weil man da so viele Dinge tun kann, für die man vorher keine Zeit oder Muse hatte.

Meine Muse meldet sich gerade eben sehr stark. Ich möchte wieder malen, schreiben, mit dem Grafiktablett arbeiten, stricken, nähen undundund.

Für all diese Sachen braucht man Zeugs, das tunlichst nicht entsorgt werden darf.

Dennoch wünsche ich mir eine Wohnung mit klarer Linie und glatten Fläche. Etwas, das sich leicht sauber machen lässt, für das man keinen Staubwedel braucht, wo man ohne Scham Leute durchlaufen lassen kann.

Ich habe also einen Konflikt, denn meine Buchregale lassen sich NICHT leicht saubermachen und einen Staubwedel braucht man jedenfalls.

Meine Idee war, die Dinge in Schränken zu verstauen. Das geht für Bücher und alles andere Krimskrams auch. Und die Flächen sind glatt.

ABER … man muss alles erst rausräumen, wenn man etwas tun will. Dabei geht ein hübsches Stück Zeit verloren und am Ende ist die Luft raus, ehe man auch nur irgendwas angefangen hat. Ich hab das erfahren in meinem einstigen Atelier, das seit ein paar Jahren schon Allerweltszimmer ist. Da kann man Gäste empfangen, weil der Tisch wahnsinnig ausziehbar ist. Da kann man arbeiten (was ich im Homeoffice seit Monden und Monden tue). Da kann man malen. Wenn man den Balkontisch reinholt, sogar neben dem Homeoffice-Zeugs. Und da können Gäste schlafen, wenn man dieses Sitz-Liege-Dingens aufklappt und das Bettzeug aus der Truhe holt.

Ich habe mir bei der Einrichtung dieses Zimmers sehr etwas gedacht. Und, ja, auch einen Eckschrank gekauft, um das ganze Malzeugs, das früher frei und jederzeit einsetzbar auf dem Tisch stand, gut zu verstauen. Mit oben beschriebenem Effekt. Es dauert, alles zurecht zu stellen und raus zu holen und anzufangen. Und nicht selten ist vor der Möglichkeit des Anfangens die Luft schon raus.

Wenn ich, denke ich mir, mich entscheiden muss zwischen Kreativität und der Leere des Feng Shui, entscheide ich mich für die Kreativität. Denn Feng Shui mag zwar einfach in der Handhabung sein, aber glücklich macht mich die Kreativität.

Mich.

Schnecke!

Wir sind alle ja so vernünftig!

Wir reduzieren Fleisch oder lassen es ganz weg. (Wurst ist kein Fleisch!)

Wir reduzieren Zucker. (Kann man den ganz weg lassen? Ich denke: Nein!)

Wir rauchen nicht (mehr). (Ich wusste, dass ich nicht zum WIR gehöre.)

Wir kiffen nicht (mehr). (Ich bin eh immer nur eingeschlafen.)

Wir saufen … Alkohol ist doch eigentlich total vegan. Oder?

Whatever.

Es fing am Mittwoch an, glaube ich, da hatte ich kurz vorm Aufwachen einen Traum, der mich glücklich in den Tag entließ. Kennen Sie das? Sie werden wach, haben den Traum noch in den Knochen und wissen: Das wird ein guter Tag.

Wurde es auch.

Nein, es war kein Sextraum. Vermutlich bin ich simpler gestrickt.

Ich träumte (und dass ich den Traum nicht vergessen habe, sagt einiges aus) von so einer Art Konditorei. Zuerst sah sie aus wie eine Galerie. Ziemlich leer und nur auserlesenes Publikum. Aber dann kamen diese kleinen niedlichen Asiatinnen, die irgendwelche Kunststücke machten und am Ende hielt man tatsächlich so ein in durchsichtige Folie geschlagenes Kunstwerk in der Hand. Während des Prozesses jedoch langten alle Besucher, Käufer oder wie auch immer man die Kunden dort nannte, nach Krümeln, die abstanden, abfielen oder so. Es schien zur Prozedur dazu zu gehören.

So glücklich mich dieser Traum auch machte, und zwar den ganzen Tag lang, so klar wurde mir aber auch, wie ewig lange ich schon keinerlei Konditorenkunst mehr zu mir genommen hatte. Ich fragte mich sogar, ob es überhaupt noch Konditoren gibt. (Ja, natürlich, keine fünf Kilometer entfernt ist einer, der sogar Preise eingeheimst hat.) Und dennoch ist das nicht das Gleiche. Denn früher, erinnere ich mich, war fast an jeder Ecke ein Bäcker. Der auch Torten machen konnte. Da, schien es, unterschied man gar nicht. Überall lächelten einen fette Torten an. Und man selbst lächelte, ohne jegliche Bedenken, zurück. Erstaunlicherweise waren wir damals weder fetter noch kränker als heute.

Weil wir es nicht täglich taten, wie wir auch nicht täglich Fleisch aßen oder Eier oder Käse oderoderoder.

Man könnte sich fragen, wie wir überlebt haben. Schlank jedenfalls. Und ziemlich gesund. Und ziemlich bewegt, denn wir fuhren nicht jeden Meter mit dem Auto.

Jugendliche Schlaumeier wollen uns heute erzählen, wie wir uns zu verhalten haben. Was reichlich lächerlich ist, weil wir das wissen. Ganz ohne Jogging und Fitness-Studio schafften wir Kalorien weg. Jeden Tag drei Eimer Kohlen in den dritten Stock hoch schleppen; jeden Tag eine Stunde Arbeitsweg per pedes, bei dem wir die zwei Kinder im Hort und der Kita abluden. (Abends das Gleiche rückwärts.) Uswusf.

Angesichts solcherart Gedanken hatte ich heute beim Wochenendeinkauf keinerlei schlechtes Gewissen, als ich im Gebäckregal nach einer von diesen klebrigen Rosinen-, nein, Nussschnecken griff, die ich inzwischen zur Hälfte abgewickelt habe. Zwar hasse ich dieses klebrige Gedöns (Mein Sohn ist mein Sohn, stellte ich dabei fest. Er liebte zwar Marmeladenbrötchen, ließ sich dabei jedoch bis er vier war, obwohl er alles andere längst selbst aß, füttern, weil er die klebrigen Finger hasste.), aber die Gier ist größer. Und, ja, da ist ja der Wasserhahn, mit dem man den Bapp abspülen kann.

Schlechtes Gewissen: Niente!

All diese Spielregeln taugen nichts, wenn man nicht dahinter steht. Und wahrscheinlich wäre fette Torte (wie im Traum) sehr viel kalorienlastiger.

Bahncard 100

Stellen Sie sich vor: Sie haben plötzlich die totale Freiheit. Z.B., weil Sie Rentner werden. Und Sie kaufen sich eine Bahncard 100. Die es Ihnen ermöglicht, sich in jeden Zug zu setzen und los zu fahren.

Sie packen eine kleine Tasche ( in meinem Fall eher einen Rucksack) und gehen los. Sie schauen, was der Bahnhof zu bieten hat, und steigen ein.

Gestern, z.B. sah ich einen Bericht über meine Heimatstadt und wäre fast in Tränen ausgebrochen angesichts dessen, was die „Reiseführerin“ sehr distanziert und von außen betrachtete, ich aber mit persönlichen Erlebnisse verband. An dieser und jener Ecke hatte ich dieses und jenes erlebt. Wo die fröhlichen Touristen am Wasser saßen, hatte ich mich als Kind abends heimlich hin geschlichen und da, wo jetzt Bäume standen, war einstmals eine Leinwand aufgebaut, auf der ein Freilichtkino nach Einbruch der Dämmerung Filme zeigte.

Vor ein paar Wochen hatte ich, angesichts meiner bevorstehenden Rente, ein weiteres Mal den Gedanken eines Umzuges nach Schwerin aufgegriffen. Was eine schöne Stadt ist, in der die Wohnungen dank des Einwohnerschwundes erschwinglich sind. Vielleicht erweise ich mir mit diesem Blog nichts Gutes, weil auch andere interessiert werden könnten. Andererseits denke ich mir (was ich auch an mir beobachte), der Umzug in ein anderes Bundesland ist schon eine Herausforderung. Ich selbst hadere, weil angesichts meiner Pläne mir klar geworden ist, dass manche Dinge unbezahlbar sind: die Nachbarn, die mir Frühstücksbrötchen mitbringen, der Nachbar, der mir Teile seiner Paprikaernte überlässt, die Freunde/Kollegen, die mir Schweres tragen helfen.

All das sind keine Selbstverständlichkeiten. Vielmehr baut man sich solche Netze über Jahre und Jahrzehnte.

Irgendwo anders hin zu gehen, heißt erst einmal: gänzlich ohne derlei Netze zu sein. Die alten Netze tragen nicht über Hunderte von Kilometern, denn andere Menschen, mögen sie einen noch so gern haben, haben auch ein begrenztes Quantum an Zeit, das solche Anreisen kostet.

Mit so einer Bahncard 100 jedoch kann man tun, was zu tun einem beliebt, ohne das Zentrum, das eigene Heim und die Netze aufzugeben.

Ich sah Berichte über Menschen, die ihr Heim aufgaben und denen diese Bahncard 100 genug war. Sie fuhren durch die Republik, gaben am einem Tag ihre Wäsche da in die Reinigung und kamen fünf Tage später wieder dort durch, um die Klamotten aus der Reinigung abzuholen. Sie lebten irgendwie im Zug. Und es machte ihnen nichts aus.

Das wäre mir nichts. Ich brauche mein Zuhause schon. Ich mag meine Wohnung und die Menschen drumherum. Aber … vielleicht …, würde es mir gefallen, meine Freiheit auszureizen. Solange ich es noch kann.

Mittel

Der Mittelbraune sagt, dass er, wenn er aus seinem Tesla steigt, für einen Drogendealer gehalten wird.

Der Südsüdeuropäer sagt, dass er mit seinen (hellhäutigen) Kindern auf dem Spielplatz für deren Babysitter gehalten wird.

Ist das wirklich so?

Der Spot einer Kampagne für Antirassismus führt diese beiden Beispiele an.

Ich bin verwirrt. Ebenso wie vor ein paar Wochen als die Freundin meines Sohnes (seit 6 Jahren ist sie das) mich fragte, was ich von ihr als Farbiger halte.

Ups! Meine Schwiegertochter ist farbig?, sagte ich zu mir. Ist mir noch gar nicht aufgefallen.

In Wahrheit ist sie eher irgendwie mitteldunkel, was mir wurscht ist. Weil es nicht darauf ankommt, sondern darauf, wie gut sie mit meinem Sohn zusammen passt. Und das schätze ich für gut ein.

Wenn ich anfangen würde, das Äußere der Menschen in meinem Umfeld als Maßstab für deren Beurteilung zu nehmen, würden mir dicke, schiefzahnige, ungepflegte usw. ( gar nicht zu reden von charakterlichen Makeln) aber zuerst auffallen müssen.

Was sie nicht tun. Ebenso wenig wie Menschen, die nicht aus meiner Gegend kommen. (In Wahrheit komme ich nicht aus der Gegend der Menschen hier.)

Was ich nicht schätze, sind Menschen mit schlechtem Benehmen. Wenn da wer sagt (was letzthin hier mehrfach passiert ist): „Eij, isch mach dich ferdisch wie in Idar-Oberstein!“, dann ist mir egal, wie hell- oder dunkel- oder garnichtbraun jemand ist. So einer ist ein Arsch und kreuzgefährlich. Und gehört bestraft. Schon allein für die Androhung einer Sache, die durchzuziehen er vielleicht gar nicht vorhatte. Denn der Zugbegleiter, den so eine Ansage trifft, kann das nicht wissen.

Ich, und das, denke ich, sollten wir alle beachten, bin kein Rassist (und da ist kein „ABER“; ich bin es einfach nicht). Gleichwohl bin ich kein Freund der übergroßen Vorsicht, die ängstlich vermeidet, Anstoß zu erregen.

Wer nicht rassistisch angegangen werden will, soll die Spielregen einhalten.

Ich, ganz ehrlich, würde einen mittelhelldunklen Tesla-Fahrer erst einmal für gar nichts halten. Und einen südsüdeuropäischen Kinderbegleiter auf dem Spielplatz hielte ich für einen prima Vater. Und die Freundin meines Sohnes ist die junge Frau, die ihn glücklich macht. Sie hat eine Farbe? Ach nee.

Schnittmuster

(Und das meine ich jetzt ganz ernst.)

Hach, was war das für eine Aufregung. Also, dass ich, was ich neuerdings selten (früher oft bis täglich) tue, politisch Stellung beziehe. Was so ja eigentlich nicht stimmt. So ein Mord hat erst einmal gar nichts mit Politik zu tun, sondern ist ein Verbrechen. Punkt.

Dass sich dann (nicht hier) bei 1000 Lesern und um die 50 Kommentatoren auch ein paar Querdenker einfinden, denen es weniger um den Jungen (mir schon!), als um ihre Gesinnung(sfreiheit) ging, ist heutzutage schier unvermeidlich.

Mich aber ödet das fürchterlich an. Dieser Hickhack führt meines Erachtens zu nichts. Und ich mag mich mit Menschen, die ganz augenscheinlich bar jeden Mitgefühls sind, nicht abgeben. So einfach ist das.

Und weil ich nicht der Gestalter der Welt bin, denke ich über andere Dinge nach. Das macht den Jungen zwar auch nicht wieder lebendig und seine Familie/ Bekannten auch nicht froh. Aber es schafft die Gelegenheit, das Gehirn wieder frei zu kriegen, aus dieser dussligen Gedankenmühle heraus zu kommen.

Später kann ich auf die Geschehnisse vielleicht anders sehen, klarer.

Ich sehe mich also um in der Welt und lande wieder in den Bahnen, die ich seit einigen Wochen bereits verfolge.

Immer schon war ich kreativ. Zu Zeiten hatte ich meine eigene Kleidungskollektion im Schrank. Danach schrieb ich. Danach malte ich. Ein wenig machte ich auch „in Ton“ oder anderes Zeugs. Gerade eben habe ich wieder angefangen zu stricken. Mit genau dem gleichen Eifer, den ich vor 35 Jahren an den Tag legte. Ich konnte nicht aufhören, ehe das Ding fertig war. Neben mir liegt der Pullover, den ich vor drei Wochen anfing, reine Baumwolle (anders als vor 35 Jahren), den ich am Sonntag zur Wahl tragen werde. Nebenher schaue ich auf Webseiten, die so Kleider zeigen, die ich auch schon mal nähte, und sehe, dass Abnäher außer Mode gekommen sind. Diese Mädels da, na gut, sind reichlich flachbrüstig. Aber da, wo es Abnäher brauchen würde, behelfen sie sich neuerdings mit seitlichen Stoffbahnen. Was ich interessant finde.

Solche Dinge sind eigentlich angesichts der Geschehnisse in dieser Welt und diesem Land so etwas von unwichtig, dass man sich schämen müsste, über sie nachzudenken. Aber gleichzeitig beruhigen sie und sorgen, wenn man denn vorm Einschlafen über sie nachdenkt, für eine gewisse Ausgewogenheit.

Menschen sind so verschieden. Und unzufriedene Menschen suchen immer wieder nach Gründen für ihre Unzufriedenheit. Ich bin das nicht.

Wenn ich heute vorm Einschlafen über Schnittmuster nachdenke, habe ich den Jungen nicht vergessen. Aber ich lenke mein Denken in eine positive Richtung, die ich beibehalten möchte für ziemlich lange Zeit.

Mord is Scheiße!

Ich stelle mir meinen Enkel vor. Der ist zwar erst 15. Aber was sind schon 5 Jahre? Wir Alten wissen das, wie schnell die Zeit vergeht.

Mein Enkel also, dessen Mutter keine Schwerverdienerin ist, hat sich – genau wie sein Vater im gleichen Alter – einen Job neben der Schule/ dem Studium gesucht, um sich den Führerschein leisten zu können.

Was eine harte Sache ist so neben dem Lernen und den Tests. Er geht ein paar Mal die Woche abends irgendwo hin, um sich etwas zu verdienen. Und er strengt sich an, alles richtig zu machen. Dass sein Chef ihm so sehr vertraut, dass er allein dort sein kann, macht ihn stolz. Und seine Eltern auch.

Und eines Abends kommt da so ein Kerl, der sein Vater sein könnte. Ob er schon etwas getrunken hat? Keine Ahnung. Aber er ist auf Streit gebürstet. Und ob der Schweiß deswegen oder wegen der Anstrengung oder weswegen auch immer durch sein T-Shirt schlägt … wer weiß das schon? Jedenfalls trägt er keine Maske und hat sie offenbar auch nicht einfach vergessen (so etwas kommt vor; ist mir auch schon passiert), sondern WILL sie offenbar nicht tragen.

Der Mann stellt sein Sixpack auf den Tresen. Und mein Enkel sagt ihm, dass er keine Maske trägt. Und dass er das hier im Laden muss. Und der Mann schwillt förmlich vor Wut an, verlässt wütend die Tankstelle, lässt den Sixpack stehen. Und mein Enkel denkt, dass das schlimmer hätte ausgehen können. Denn der Mann war sehr wütend, betrunken oder nicht, und er war ein Brocken von einem Mann.

Mein Enkel bringt den Sixpack zurück ins Regal und tut eine Zeit lang, was er an jedem Abend dort tut. Er kassiert, räumt auf, wischt ein bisschen. Nichts Spektakuläres.

Und dann, nach ziemlich langer Zeit, fast wäre es Feierabend gewesen, kommt dieser gleiche Mann, wieder ohne Maske. Und alles geht ganz schlimm aus. Als mein Enkel versteht, dass er da in einen Pistolenlauf schaut, ist es schon vorbei.

Eine Mutter sollte ihre Kinder nicht überleben und schon gar nicht eine Großmutter ihre Enkel.

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Ich lese in den Netzwerken Meinungsäußerungen. Entsetzen, natürlich.

Aber auch Meinungen, die da immer wieder kläglich darauf beharren, wie schlimm doch alles mit Corona und Impfen und Faschismus und Diktatur …

Und ich frage mich: Sind die alle blöd?

Da ist ein junger Mensch gestorben. Vollkommen sinnlos und unschuldig. Und die fangen an mit ihrem Whataboutismus, fragen gar, wie es wohl wäre, wenn jemand einen Querdenker erschossen hätte.

DAS IST ABER NICHT PASSIERT!

Ein Idiot, der wütend war, hat einfach so rum geballert und wird dafür auch noch gefeiert, mindestens „verstanden“. Haben die Leute keinerlei Rechts- oder Unrechtsempfinden mehr?

Und, Pardon!, ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwer einen Corona-, Impf- oder was weiß ich für einen Gegner erschießt. Einfach so. Warum sollte man das tun? Warum sollte man überhaupt einen Menschen töten, den man so gar nicht kennt?

Wenn wir jetzt anfangen, Menschen zu töten, nur weil sie Dinge tun oder verlangen, die uns nicht gefallen … was haben wir dann in den letzten paar Jahrtausenden gelernt?

Im Stau

Ein Lifebericht von der Autobahn.

Mann im offenen Cabrio zu seiner Frau: Ach. übrigens, die Dings (Name überpiepst), mit der ich zusammen studiert habe, ist jetzt auch schwanger.

Frau vom Mann im offenen Cabrio (wendet den Blick nicht von ihrem Handy): Aha

Mann im offenen Cabrio: Na, du weißt schon, die, mit der wir immer nach dem Donnerstagskurs einen Trinken gegangen sind.

Frau vom Mann im offenen Cabrio: Hm. (schaut weiter auf ihr Handy)

Mann im offenen Cabrio schaut wie zufällig zu der Schwangeren zwei Fahrzeuge schräg davor, zuckt mit den Schultern.

schwangere Frau im Fahrzeug schräg davor nickt kräftig in den Rückspiegel (man ahnt ein nicht hörbares „Aber nu …!“)

LKW-Fahrer neben dem Mann im offenen Cabrio (eigentlich drüber) zum mitfahrenden Reporter: Na, da hat wohl wieder mal jemand seinen Schwengel wo hin gehalten, wo er nicht hin gehört (grinst dabei hämisch)

Reporter (grinst zurück und achtet dabei darauf, dass Mikro und Kamera alles gut aufnehmen): Scheint so.

Mann im offenen Cabrio (startet einen neuen Versuch): ich wollte dir sagen, dass …

Frau vom Mann im offenen Cabrio (hält die Hand hoch, während sie weiter aufs Handy schau): Später.

Mann im offenen Cabrio zuckt wieder mit Blick nach schräg vorn mit den Schultern, diesmal stärker.

schwangere Frau im Auto schräg davor setzt zu einem offenbar wütenden, aber leider unhörbaren Dialog an.

Der Verkehr kommt wieder in Bewegung. Die Fahrer auf der Spur des Mannes im offenen Cabrio und seiner Frau rutschen langsam nach vorn.

LKW-Fahrer und Reporter, in deren Spur sich noch nichts bewegt, beobachten gespannt, wie sich das Cabrio dem Auto der schwangeren Frau nähert.

Diese scheint auf dem Sprung zu sitzen; ihr Fenster ist die ganze Zeit schon offen, was die etwas zu große Gesprächslautstärke des Mannes im offenen Cabrio erklärt.

Die Schweißflecken am Hemd des Mannes im offenen Cabrio scheinen sichtbar zu wachsen, während er sich bemüht, sowohl Verkehrsfluss, als auch die schwangere Frau im bald nicht mehr schräg davor stehenden Auto im Auge zu behalten.

LKW-Fahrer und Reporter warten gespannt, ob sich der Glücksfall ergibt, dass das offene Cabrio mit seinen Insassen direkt neben der schwangeren Frau zu stehen kommt.

Die allgemeine Spannung steigt, die Luft scheint zu brennen.

Und dann beschleunigt sich der Verkehrsfluss in der Spur des Mannes im offenen Cabrio, so dass er mit einer flotten Gangschaltung und einem geradezu enthusiastischen Tritt aufs Gas am Auto der schwangeren Frau vorbeizieht, nicht ohne ihr (also der schwangeren Frau) einen oberflächlich bedauernden, in Wahrheit jedoch hoch erleichterten Blick zuzuwerfen.

der Reporter (nachdem er einen Moment lang enttäuscht in sich zusammen gesunken ist, streckt er sich wieder, sendet einen ambivalent und mitfühlend sein sollenden Blick in die Kamera): Ja, mein lieben Zuschauer, Geschichten, die das Leben schreibt. Wir waren für Sie dabei!

Während die Kamera einen Schwenk über den wieder in Gang gekommenen Verkehr macht, hört man den LKW-Fahrer, der offenbar auch selbst angefahren ist, aus dem Off: Die Geschichte ist noch nicht vorbei.

der Reporter: Da sagen Sie was. Leben prall!


der Chefreporter im Schnittraum, wo man Pieps und Pixel zugefügt hat (nicht so sehr, dass Beteiligte sich und ihnen nahe stehende Personen nicht erkennen könnten) erklärt: Ein Anwärter für den Pulitzerpreis ist das nun gerade nicht, aber die B..D titelte heute „Angst um Ihre Lebensversicherungen“. DA können wir locker mithalten.

Chapter Fünfeinhalb

Es gab Leute, die in meinem letzten Text Hintersinn vermuteten. Aber ich fürchte, nicht den richtigen.

Ja, natürlich schreibt frau nie alles, was ihr so durch den Kopf geht. Sonst würden die Texte ja ellenlang. Aber nicht alles ist Zeitgeist.

Ignaz Semmelweis erkannte in den Vierzigern des 19. Jahrhunderts, dass Ärzte, die mit ungewaschenen Händen aus der Pathologie in die Geburtsstation kamen, letztlich verantwortlich waren für die hohe Zahl der Frauen mit Kindbettfieber.

Seine Erkenntnisse wurden von vielen Kollegen als „spekulativer Unsinn“ bezeichnet und er selbst nicht ernst genommen. Joseph Lister, einem Schotten, wurden oft die Erkenntnisse zugeschrieben, die wir alle Semmelweis zu verdanken haben. Ihn nahm man ernster. Lag das daran, dass er kein Jude war oder sich nicht nur auf Wöchnerinnen bezog (denen kein großer Stellenwert beigemessen wurde)?


Vor einem Jahrhundert oder mehr gab es Kokain in der Drogerie zu kaufen und auch „Stärkungsmittel“, die radioaktive Stoffe enthielten.

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Hingegen wurde in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts alles, was mit Hanf zu tun hatte, verboten, obschon die medizinische Wirksamkeit (und der Verdacht der „Einstiegsdroge“ als absurd) bekannt war.

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Irgendwas um zehn Jahre und mehr später wurden Atomwaffentests durchgeführt. Unter für uns Heutige absurd erscheinenden Bedingungen. Die Beobachter duckten sich irgendwie hinter etwas ab und dachten, sie seien vor der Strahlung geschützt. Die Kinder in den USA lernten damals, sich unter ihre Schulbänke zu hocken.
Heute greifen wir uns angesichts dieser Bilder an den Kopf.


Zwischendrin machten die Curies Experimente mit uranhaltigen Materialien, von deren Gefährlichkeit sie nicht den Hauch einer Ahnung hatten. Der Ausgang ist bekannt.

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Wir wissen viel zu wenig von so ziemlich Allem. Könnte man sagen. Aber wenn wir nicht versucht hätten, dahinter zu kommen … was wären wir dann heute?

Natürlich haben Menschen bereut, ge- und erfunden zu haben, was sie ge- und erfunden haben. Den noch heute gewichtigen und weltweit geschätzten Nobelpreis schreibt man Nobels schlechtem Gewissen zu. Ob das richtig ist, sei dahin gestellt.

Und doch: Wissenschaft ist sehr oft  „trial and error“ – Versuch und Irrtum. Manchmal unterliegt der Forscher selbst dem Irrtum; manchmal andere. Niemand will, dass letzteres der Fall ist. Aber manche Irrtümer/ Fehler treten erst viel zu spät zutage.

Bei Contergan, um an den letzten Text anzuschließen, gab es bei den Tierversuchen keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass passieren würde, was geschah.

Für A., der die Folgen am eigenen Leib verspürte, wäre diese Feststellung wahrscheinlich höchst unbefriedigend gewesen. Aber … hätte er ohne das diese wunderbaren Gedichtbände veröffentlicht?

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Dass Menschen nun, in diesen sich hochbrisant gebenden Zeiten, der Meinung waren, mein letzter Text bezöge sich auf Impfungen etc., befremdet mich ein wenig. Ich selbst gebe ich zu, dachte am Ende meiner Schreiberei, man könnte so etwas denken. Aber meine Intention war das nicht.

Die Welt, das All und unser Unwissen sind viel größer als wir es wahr haben möchten. Stets und immerdar die 100%-ige Sicherheit haben zu wollen, wird nicht funktionieren. Vielleicht irren wir uns in so viel mehr als uns bewusst ist?

Vielleicht ist das Weltall gar nicht wahr und wissenschaftliche Gesetze und Erkenntnisse nur eingebildet? Was eigentlich wissen wir?

Und dennoch ist unser Leben so viel besser als vor gar nicht so langer Zeit. Seien wir zufrieden und verlangen nicht zu viel.