Angsthasen

Es ist gut, richtig und wichtig, dass wir im Leben bestimmte Sicherheiten und Ver-sicherungen haben, (Keine Angst, das wird kein Werbespot!). Eine der besten gedanklichen und sprachlichen Errungenschaften finde ich den Begriff „Solidargemeinschaft“. Wir sorgen füreinander, wenn auch vielfach gezwungenermaßen, wenn es einem von uns mal – aus welchen Gründen auch immer – nicht gut geht. Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit sind nicht mehr die Schreckgespenster, die sie noch vor hundert Jahren waren. Keiner muss mehr hungern, frieren, ohne Obdach  oder ärztliche Versorgung sein, wenn er sich denn auf das System einlässt. (Dass manche das nicht tun, hat individuell sehr verschiedene Gründe.)

Mir, die ich in diesem Konstrukt geboren bin, fällt es außerordentlich schwer, mir das Leben andernorts (z.B. in den USA) vorzustellen, wo man diese Sicherheiten nicht hat, sich womöglich dagegen wehrt, weil Stolz und Eigenverantwortung einem quasi mit der Muttermilch eingetrichtert wurden.

Und dennoch frage ich mich nicht selten, wie Menschen, auch wenn sie in dieses System der Rundum-Versorgung hineingeboren wurden, annehmen können, es sei vom Grunde auf für ALLES gesorgt, man sollte sich gar keinerlei Sorgen mehr machen und keinerlei Selbst-Fürsorge betreiben müssen. Zuweilen hat es den Anschein, dass diese Vor- und Fürsorge-Gesellschaft nun und immerdar für alle Unbilden des Lebens verantwortlich ist. Seien sie so selbstverschuldet oder zufällig wie auch immer.

Zeichnen sich am Horizont irgendwelche Dinge ab, die man nur schwer oder gar nicht hat voraussehen können, wird immer gefordert, die Solidargemeinschaft müsse doch jetzt eintreten. Und tatsächlich tut sie das oft, kann das aber nicht immer.

Wenn irgendwo Hochwasser ist, watet schon mal ein Bundeskanzler in Gummistiefeln durch den Matsch, und es sind Bundeswehr, THW und allerhand Freiwillige unterwegs. (Selbst erlebt, als meine Nichte, die mir später zeigte, bis wohin das Wasser stand, beinahe ihre Existenz verloren hätte.)

Wenn aber im fernen China ein Virus umgeht, der zwar inzwischen um die Tausend Infizierte aufweist, von denen ca. 10 % gestorben sind, bricht (nun gibt es sogar im Bayrischen 1 – in Worten: einen – Fall und in Heidelberg hat auch schon wer gehustet) allergrößte Panik aus. Wohlgemerkt unter den gleichen Leuten, die noch vor nicht allzu langer Zeit bedenkenlos Masern-Partys veranstalteten, um ihre Kinder zur Impfvermeidung, quasi auf die harte Tour, immun zu machen.

Heute hörte ich, wie eine Kollegin mit einer Sprachnachricht auf eine ebensolche ihrer frisch erwachsenen Tochter auf deren Sorge zum Corona-Virus antwortete. Ein verbürgter Fall von was auch immer bringt das Gebäude der Sicherheit bereits ins Wanken?, fragt sie sich und ich mich auch.

Wie wohl werden diese jungen Menschen, die stets Objekt unserer Fürsorge waren, reagieren, wenn irgend etwas in ihrem Leben passiert, dessen Herr zu werden ihnen schwer fällt, für sie vielleicht unmöglich ist? Weil das Leben eben nur eine beschränkte Anzahl von Sicherungsmechanismen zulässt und vieles, trotz aller Vorsorge, eben dann doch ein Resultat von Zufällen ist.

Ich muss nicht Fernreisen mit dem Flugzeug unternehmen, um irgendwem zu begegnen, der mittels Niesen oder Husten seine Viren in meine Richtung streut. Ich muss nichts verkehrt gemacht haben, um arbeitslos zu werden. Ich kann mich während der Schwangerschaft höchst vorbildlich  verhalten und dennoch ein krankes oder behindertes Kind zur Welt bringen.

All diese Dinge passieren. Und Niemand gibt einem Garantien, wie man so etwas ausschließen kann.

Und dennoch scheint eine zunehmende Anzahl von Menschen zu erwarten, dass es gesellschaftlicher Auftrag ist, ihnen derlei Lasten abzunehmen oder besser: von vornherein zu ersparen.

Mir fällt der Film Matrix ein. Beim Verhör sagt einer der Agenten, man habe vorher mehrere Varianten der Matrix ausprobiert. Zum Beispiel habe man geglaubt, die totale (geträumte) Glückseligkeit der Menschen, die nichts anderes als bessere Batterien, sich aber dessen nicht bewusst waren, würde sie „ruhig halten“. Das aber sei nicht der Fall gewesen. Der Mensch müsse kämpfen, Schwierigkeiten überwinden, um irgendwie zufrieden zu sein.

Und wirklich beobachten wir es ja immer wieder: Menschen, denen es unserer Ansicht nach gut gehen müsste, weil sie reich, schön und was auch immer sind, sind zutiefst unglücklich. Ihnen scheint der Sinn zu fehlen. Sie verfallen in Depressionen in Ermangelung jedweder Möglichkeit, sich an irgend etwas aufzureiben.

Wann, frage ich mich, fingen wir an zu versäumen, unseren Nachfahren, diese Freude am Kämpfen und Erringen, am Stolz-Sein auf Gelungenes beizubringen?

Sie sind mitnichten glücklicher, weil sie alles schon haben. Sie sind vielmehr unglücklich über all das, was sie nicht haben oder womöglich nie haben werden. Und sie ängstigen sich um alles, was ihnen – tatsächlich oder eingebildet – geschehen könnte.

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Ich erinnere mich, wie zu meiner Zeit als sehr junge Mutter die Neutronenbombe ins Gespräch kam. Ein perfides Ding, das Menschen töten, aber die Gebäude stehen lassen sollte. Auf der Grenze zwischen Ost- und Westblock sitzend, machten wir uns unsere Gedanken. Carter und auch Reagan hätten sie nur zu gern  in Deutschland stationiert. Und wir hatten Angst, aber auch gleichzeitig die Illusion einer Strategie. Nicht nur eine Nacht lang träumte ich, wie ich von meinem Arbeitsplatz aus zum Kindergarten meiner Tochter rennen würde, um dieses  zarte Ding irgendwo in den tiefen Gemäuern der Burg vor den Strahlen in Sicherheit zu bringen. In der – im Ernstfall vermutlich vergeblichen – Hoffnung, ihres und mein Überleben zu sichern.

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Mein Enkel im letzten Jahr war schwerst gekränkt, als seine Eltern ihn nötigten, die verbotenerweise von einem Mitschüler gekauften und nicht einmal richtig passenden (gebrauchten) Turnschuhe zum Wert von 200 Euro zurück zu geben.

 

 

4 Gedanken zu “Angsthasen

  1. Sehr schöner Artikel! Mir fällt dazu ein, dass es laut Fritz Rieman vier Grundformen der Angst gibt bzw. vier Grundkräfte, denen wir alle in unterschiedlicher Stärke unterliegen. Eine dieser Ängste ist die Angst vor der Selbstwerdung, der Unabhänigkeit und eine andere die Angst vor Veränderung. Diese beiden Ängste scheinen in einem Großteil der Bevölkerung überproportional vorhanden – mein Verdacht: je komplexer und unüberschaubarer die Welt wird, desto mehr zieht sich der einzelne auf die vermeintliche Sicherheit bzw das Sicherheitsbedürfnis zurück. es gibt so vieles, was in diesen Zeiten auf uns einprasselt und was wir nicht in der Hand haben, dass der Kontrollverlust vielleicht mit einem Mehr an Sicherheit im eigenen Stübchen kompensiert werden muss…

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    • Nun, die Angst vor Veränderungen ist immanent. Wir wissen nicht, wenn wir neue Situationen bewältigen müssen, ob wir das mir unserem bisherigen Erfahrungsschatz tatsächlich können. Gleichzeitig aber, wenn wir wirklich die Taktik wählen, derlei neue Erfahrungen zu meiden, benehmen wir uns der Möglichkeit von Erfolgen, die sich gut anfühlen und uns (selbst)sicherer machen.

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    • Wie´s der Zufall so will, unterhielt ich mich heute mit einer Bekannten, die sich mörderisch über dieses ganze Achtsamkeits-Geschwafel aufregte. Wenn das Härteste, was uns je passiert, geworfene Wattebällchen sind, können wir kein Völkerball spielen, weil wir jedes Mal gleich weinend vom Spielfeld rennen, wenn uns der Ball trifft.
      Dem habe ich nicht wirklich viel hinzu zu fügen.

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