Blüten

So ins Häusliche verbannt, treiben die Gedanken ja erstaunlichste Blüten.

Dieser Tage sah ich, was ich gerne tue, auf Arte eine Dokumentation über den BLOB. Selbiger ist schwer zu beschreiben und lässt sich weder als Tier noch als Pflanze einordnen. Ich weiß nicht, ob im Bericht dieser Begriff auftaucht, aber für mich hat er etwas Pilziges und – und das ist es, was ihn für die Wissenschaft so interessant macht –  er kann, obschon Einzeller, komplexe Probleme lösen. Beim Blob geht es zunächst einmal vordergründig ums Suchen einer Futterquelle, wobei er – vor die Wahl gestellt – bestimmte Dinge bevorzugt. Er findet jedenfalls, auch über Hindernisse bzw. um Hindernisse herum, zum Futter. Und hat dabei gigantische Wachstumsraten. Es laufen sogar Versuche, in ihn elektronische Systeme einzubauen, wobei, um die gewünschten Resultate zu erzielen, man seine Prioritäten bzw. Abneigungen ausnutzt. Letztlich läuft es auf die gleichen JA/NEIN- Entscheidungen hinaus, die auch unter der Tastatur getroffen werden, auf der ich gerade schreibe.

Paul Preuss, den ich lange Zeit für einen Deutschen hielt, was (die Einleitung legt es nahe) nicht stimmt, schrieb im Jahr 1985 einen Sci-Fi-Roman, der in Deutschland mit dem Titel „Fehlfunktion“ vermarktet wurde und mich seinerzeit schwerst beeindruckte.

Es geht darin um eine (Blob-artige!) Biomasse, die in neuartige Heimcomputer eingebaut ist. Weil der – ich nenn´ihn jetzt mal so – Blob wächst, wächst auch die Leistungs- und Selbstlernfähigkeit des Computers. Was die Leute supertoll finden.

Wer das Buch noch selbst lesen möchte, sollte hier zu lesen aufhören, denn gleich spoilert es ganz gewaltig.

Natürlich trägt so eine Erfindung (Es zeigt sich wieder einmal, dass es nichts im realen Leben gibt, worüber Sci-Fi-Autoren nicht schon einmal nachgedacht hätten.) nicht über einen ganzen Roman hinweg. Es muss Probleme geben, die dann irgendwelche Wendungen und – im besten Falle – einen prima AHA-Effekt im Schlepptau ziehen.

Im Vorliegenden besteht das Problem darin, dass der Blob eben Bio ist. Bio auf eine Weise, dass es aus dem PC ausbüchst und in die User reinkriecht. Er entwickelt dabei Viren-artige Eigenschaften, die im besten Falle zu einem leichten Schnupfen führen, im schlimmsten jedoch den Weg über geistige Verwirrung zum Tode.

Der Blob ist eine Schwarmintelligenz, die erst lernen muss, wie diese neuartige Mensch-Blob-Verbindung funktioniert, ohne dem Menschen zu schaden (denn das nützt ja keinem der Beteiligten), sich bei tatsächlich Genesenen aber durchaus positiv auswirkt. Weil sie ab nun weniger bis keine charakterlichen Defekte mehr haben. Sie denken im Interesse des (Menschen)Schwarms.

Als man die Misere erkennt (Denn, Sie wissen ja: Was der Bauer nicht kennt …) und die PCs zurückruft, isses zu spät: Der Blob hat gelernt, auch von Mensch zu Mensch übertragen zu werden.

Mit einem leicht vorstellbaren Ergebnis.


 

Das Ganze jetzt mit Corona zusammengerührt (Denn Sie wissen ja: Es gibt nichts in der Sci-Fi-Literatur, was nicht grundsätzlich möglich wäre.), könnte bedeuten, dass nur jene schwer bis letal erkranken, die sich dem grundsätzlichen Wandel der Menschheit widersetzen.  Aus welchen Gründen auch immer. Damit kann der Blob, äh, das Corona nix anfangen, weswegen er es – nicht absichtlich! – kaputt macht.

Gesetzt den Fall also, dem wäre so: Dann würde nach der weltweiten Krise, die – viele sind da sehr, sehr ängstlich – einen wirtschaftlichen Zusammenbruch nach sich ziehen könnte, eine vollkommen neue Menschheit eine vollkommen neue Welt aufbauen.

Manchmal, denke ich mir, hat Science Fiction etwas unglaublich Tröstliches.

 

nachgedacht

Flanieren

Ich komme mir veralbert vor, als ich heute die Zeitschrift des hiesigen Gewerbevereins aufschlage, die ich irgendwann in dieser Woche erhielt:

„Das Kultur- und Shopping Angebot in unseren beiden schönen Städten ist vielfältig und bunt – gehen Sie auf Entdeckungsreise und flanieren Sie durch unsere schönen Straßen und Gassen.“

Mir ist schon klar, dass so ein Hochglanzdingens nicht in ein, zwei Tagen entworfen und gedruckt wird, dass einen manchmal die Geschehnisse überrollen. Aber … ich finds schon merkwürdig. Sogar mit der Vorstellung von Gewerbevereinsmitgliedern, die neben Stapeln (Auflage 5000) dieser Hefte sitzen und per Videokonferenz beratschlagen, was nun zu tun ist. Einstampfen oder ausliefern?

Man hat dafür gezahlt und wat mutt, dat mutt und schließlich geht’s ja weniger um die Einladung zum Stadtbummel als um die heimischen Gewerbetreibenden, die sich davon Werbung versprechen.

Die, wir alle wissen das, allerdings in spätestens ein paar Tagen vergessen ist.

Vielleicht nicht für die heißblütigen erwachsenen Nachbarssöhne, die gerade eben aufeinander los gegangen sind und womöglich nächstens neues Mobiliar kaufen müssen. Hätte es solche Auftritte nicht bereits in der Vergangenheit gegeben, würde ich es unter Lagerkoller abtun. Aber die beiden schaffen das auch ohne Ausgangssperre.

Obwohl ich einzelne Worte nicht verstehen kann, wird mir klar, dass sie sich auf Deutsch anbrüllen, was mich erstaunt. Ich dachte immer, im Schwange der großen Gefühle fiele man in die Muttersprache zurück.

Egal, inzwischen ist das Feuer niedergeköchelt. Der Eine steht auf dem Balkon, raucht und reibt sich die Faust.

Den Gewerbeverein juckt all das nicht. Er hat seine Broschüre rausgebracht. Sollen die Leute doch damit anfangen, was sie wollen. Und inzwischen ist auf der Website auch nachgeschoben:

„Gewerbetreibende und Gastronomen in M und E haben auf die aktuellen Schließungen zum Schutz vor der Ausbreitung des Coronavirus reagiert und neue Konzepte ins Leben gerufen. Egal ob telefonische Beratung oder Lieferservice – wir sind weiterhin für Sie da“

Es dürften, denke ich mir, nur sehr wenige Läden sein, die ihr Angebot mittels Telefonberatung und Lieferservice aufrecht erhalten. Bei meinen wenigen Einkaufsgängen durch die Stadt sah ich ausnahmslos nicht nur geschlossene, sondern auch dunkle, menschenleere Geschäfte. Nur in der Parfümerie haben sie so eine Art Abholservice eingerichtet. Ich sah, wie der Chef einen Tisch in die Tür stellte, damit die gepflegte Kundin jedenfalls an ihre Pflegeprodukte des höheren Preissegments heran kommt.

Vielleicht hätte man dieses Statement als Einlegezettel der Broschüre beifügen sollen? So eine Kleinigkeit nachzudrucken oder meinetwegen durch den Kopierer durchzuziehen, wäre doch sicherlich möglich gewesen. Einschränkungen hin oder her.

Aber vielleicht bin ich auch zu pingelig.

Verlassen jedenfalls kann man sich auf die Zeugen Jehovas, die ihre Blättchen gleich neben der Broschüre in den Briefkasten eingelegt haben. Ich sah die junge Frau, wie sie beinahe verschämt ihre Botschaften jeweils einzeln und immer erst direkt am Briefkasten aus der Tasche zog. Botschaften, die immer eine Mischung aus Androhung des Weltuntergangs und Verheißung der geeigneten Rettungsmethode sind. Ich brauche das nicht zu lesen. Ich weiß Bescheid. Fast, hätte sie nicht ganz so geheimnisvoll getan, hätte ich ihr vom Balkon aus zugerufen, dass sie mich auslassen soll. Weil ich das Zeugs sowieso und immer sofort zur Papiertonne schleppe. Es kommt nicht mal in meine Wohnung rein, geschweige denn, dass ich es lesen würde. Schade ums Papier!

Man könnte es erstaunlich finden, dass die Zeugen auch in diesen Zeiten ihre Mitglieder zur Missionsarbeit aussenden, wenn auch nur via Briefkasten, wüsste man nicht, dass eh nur für 144 000 Platz ist. Wer sich da nicht besonders eifrig bemüht, kommt nicht ins Jehova-Himmelreich. Da gilt es vielleicht, gerade jetzt, noch so viele Seelen wie möglich zu retten, auf dass die eigene ins himmlische Reich einfahren kann. Dass die anderen zu spät zum wahren Glauben gefunden haben … drauf gepfiffen.

So findet sich, denke ich, in meinem Briefkasten das, was die Menschen derzeit insgesamt umtreibt: Zuversicht und Skepsis. Die großen Gefühle kriegt man aus der Nachbarschaft.

was wird

 

 

Who´s That Lady?

Sohni hat keine Lust auf meine mathematischen Betrachtungen und schon gar nicht auf mein Lob der politischen Maßnahmen. Er fühlt sich sch… und ist sauer, weil ich das so nicht gelten lassen will. Welchen Mangel denn leidet er? Er hat – für sich allein – 20 Rollen Klopapier im Keller!

Tochter hingegen ist sauer, weil ich einen Moment lang die Langmut vergaß und ein paar ehrliche Worte sagte. So etwas will Kind ja nicht hören. Wir Eltern schließlich sind zum Trösten und Aufbauen da.

Ich selbst kam arbeitsmäßig heute gut voran. Erst als ich für ein paar Einkäufe in die Stadt ging, wurde mir beklommen. Nicht wegen der wenigen Leute oder der leeren Regale, die mich – das muss ich schon gestehen – an meine jungen Jahre in der DDR erinnern, sondern wegen der wenigen, aber dennoch schrecklich verbissenen Menschen um mich herum. Scheinbar millimetergenau hielten sie sich an die roten Abstandslinien, die mit Klebestreifen vor der Kasse Signale setzen. Zwischen den Kassen steht eine anscheinend nur für diesen Zweck eingestellte Person, die wie eine Hostess winkt, wenn man in der Schlange weiter rutschen darf.

All das macht mich nervös. Und als der – wie sich herausstellt: kaputte – Einkaufskorb nicht in den Stapel rutschen will, komme ich mir schrecklich dumm vor. Die junge, sonst stets kichernde, Kassiererin grinst auch diesmal. Als ich jedoch, spaßhaft, sage, dass es da nichts zu lachen gibt, wird sie ernster als mir lieb ist und tut, als hätte sie nicht gegrinst. In Wahrheit mag ich diese fröhlichen Gören, von denen es mehrere gibt, und die – was ich sehr bedaure – ruhig zu stellen, anscheinend so leicht ist. Noch einmal schlimm wird es, als meine Nachfolgerin in der Warteschlange tatsächlich nicht abkassiert wird, ehe ich das letzte Dings meines nicht kleinen Einkaufs in den Taschen verstaut habe.

Lauter Psychoscheißendreck, der mich nicht froh macht.

Wie schnell, denke ich, geht es doch, dass die Menschen anfangen, sich gegenseitig erziehen zu wollen. Das gab es im Osten, das gab es bei den Nazis. Das gab es immer, wenn Menschen meinten, einen ganz wichtigen Grund zu haben, dass alle sich disziplinieren mögen. Eines höheren Zieles wegen.

Ich selbst bin noch immer renitent. Weil ich, zwar nicht in der Schule, aber doch später, mein Interesse an der Statistik entwickelt habe. Wahrscheinlichkeiten sind, meine ich, eine gute Entscheidungsgrundlage. Und  die Mortalität bei Corona/Covid ist niedriger als bei vielem anderen, wo die Zahlen nicht so offensiv an die Öffentlichkeit getragen werden.

Dennoch trage ich im Hinterkopf all die Ausnahmeszenarien, die der Buch- und Filmkonsument im Laufe der Jahrzehnte eingetrichtert bekam. „Die geschützten Männer“ (Robert Merle) kommen mir in den Sinn und „Contagion“ (Steven Soderbergh). Das nur als die – für mich – eindrucksvollsten. Szenarien übrigens, die weitaus schlimmer sind als alles, was wir uns derzeit mit Corona vorstellen können.

Die Nachbarn, scheint es, sind auch genervt. Der junge Kerl vom Nachbarbalkon verschwand rasch, als könnte ich ihn über vier Meter Entfernung anstecken. Und kurz drauf hörte ich von drüben laute Musik. Gedankenkiller. Laut kann ich auch. Und fand, was ich lange nicht mehr hörte, diese Sparten-Digitalsender.

Mit der richtigen Lautstärke hatte ers dann verstanden, nachdem ich eine Rauchen war.

Die anderen Sender (siehe Titel) brachten dann aber ebenso wenig Wohlfühlfaktor wie der Vogelschwarm am orange-rosa Abendhimmel. Obwohl mich dieses Geschwärme immer so anhebt, auch wenn es nicht so viele sind wie in Rom.

 

 

Möhrchen

Weil ich am Sonntag, einfach zum Ausprobieren ob es klappt, schon mal zwei Stunden gearbeitet habe, was wegen der Gesetze (so erklärte mir meine Chefin) nicht sein darf, empfahl sie mir, heute ein bissel weniger zu arbeiten.

Gute Idee, dachte ich, die ich gerade dabei bin, mich an die neue Situation zu gewöhnen. Ich stellte den Wecker später und ging dann erst mal einkaufen. Was ziemlich normal lief, sieht man einmal von dieser doofen Schnepfe ab, die einfach irgendwo rumstand, sinn- und ziellos, wie mir schien, um mich dann bösen Blickes auf den Sicherheitsabstand in der Warteschlange aufmerksam zu machen. Dabei bin doch eigentlich ICH die Risikogruppe, während die da sich offenbar nur wichtig machen wollte. Ich grinste in einer Mischung aus frech und freundlich, ohne mich weiter zu äußern. Auf blöde Tussen reagiere ich schon lange nicht mehr.

Vorher aber, beim Einsammeln des Einkaufes – und man hat derzeit ja weiß Gott! keine sonderlichen Möglichkeiten mehr – war ich noch am Haar-Regal im Drogeriemarkt.  Denn mir war eingefallen, dass  dunnemals, ehe ich das weiße endgültig und unverfälscht rausließ, da schwarz drauf gewesen war.  Was mein zu dieser Zeit rattenkurzes Haar irgendwie spannend erscheinen lassen sollte. Als also das weiße rauswuchs, hatte ich diesen coolen Effekt, dass ich weiß mit schwarzen Spitzen hatte. Sowas geht aber irgendwie nicht ständig. Jedenfalls nicht, wenn man nicht einen Friseut mit sauviel Geld für sowas bezahlen will.

Also begnügte ich mich, als die schwarzen Spitzen irgendwann dem Rasierer zum Opfer fielen, mit der Erinnerung an einen echt prima Effekt.

Neulich ist mir wieder dieser Rasierer in die Hände gefallen. Was macht man nicht alles, wenn man daheim ist, nicht wirklich raus kann und einem langweilig ist.   Jedenfalls habe ich da ein bisschen und dort ein bisschen rasiert und gezupselt und gebibselt. Und irgendwie, fand ich, sah das komisch aus. Und dann kriegte ich die große Wut.

Naja, grad eben habe ich nicht sonderlich viel Haar. Wobei ich denke, dass es natürlich genauso viele sind wie sonst. Aber an der Länge gebricht es ein wenig. Was blöde ist, weils ja gerade eben wieder kalt geworden ist. Was wiederum gut ist, denn ich kann auf dieses Elend eine Mütze drauf setzen, ohne merkwürdig zu erscheinen.

Im Drogeriemarkt jedenfalls fiel mir wieder dieser aberwitzige Spitzeneffekt in schwarz ein. Aber so wirklich echte Farbe habe ich mich nicht getraut. Doch da stand tönende Haarwäsche da. Wenn auch nicht in schwarz.

Ich habe mir mal die Tasche mit dem Zeugs voll gepackt. Pfeif auf Klopapier, solange noch Haarfarbe da ist. Und außerdem hält das Tönungszeug ja nicht so wahnsinnig lang. Und jetzt sitze ich da mit so einer Art Möhrenfarbe auf dem Kopf. Vor Jahren behauptete ein giftzwergiger Schreiberling, es handele sich dabei um klimakteriumsrot, weil da die Damen im gewissen Alter so drauf stünden. Ich hätte dem Mieselzwerg ja mitteilen können, dass ich diese Farbe bereits in den Dreißiger trug, wo ich nicht einen Moment an die Wechseljahre gedacht habe. Aber, bitte, wer spricht mit so einem denn in allem Ernst?

Spinnweben

Während ich mit meiner Chefin telefoniere und ihr den Tagesbericht des ersten(!) wirklich gelungenen Home-Office-Tages abgebe, gehe ich in die Küche und hole den Staubwedel, um ein paar Spinnweben zu entfernen, die mir vorher nicht aufgefallen waren. Ich steige, immer noch mit ihr redend, auf den Futon und wedele. Warum ich meine Chefin, die das nicht zu erwarten scheint, anrufe, weiß ich im Nachhinhein nicht. Ich selbst habe das Gefühl, dass ich erzählen muss, was ich getan habe, DASS ich zu Hause etwas getan habe und zwar genau das Gleiche, das ich im Büro getan hätte.  Als ich obendrein berichte, dass ich – eigentlich nur, um (aus guten Gründen) das Funktionieren des Systems zu testen – gestern schon zwei Stunden gearbeitet habe, warnt sie mich vor meinem eigenen Eifer. Es bringe ja nichts, wenn die Kollegen nach kurzer Zeit „reihenweise umfallen“. Was ich nicht beabsichtige, obschon ich nun schon den zweiten Tag ab Mittag erhöhte Temperatur habe. Die, so denke ich, weder Corona, noch Überlastung, sondern ein Zeichen eines stinknormalen jahreszeitlich bedingten Infektes sind. Aber natürlich macht frau sich so ihre Gedanken.

Seit Tagen nun schon in der häuslichen Isolierung, kommt mir gelegentlich in den Sinn, wie meine lieben Nachbarn sich wohl fühlen würden, wenn unter meiner Tür Maden hervor gekrochen kämen, an denen zu merken wäre, dass etwas nicht stimmt. Dass meine Chefin meinen Anruf nicht erwartet (obwohl sie vorher angekündigt hatte, jeden von uns täglich mindestens einmal anrufen zu wollen) muss ja wohl als Zeichen gedeutet werden, dass mein mich-nicht-Melden gar nicht auffiele.

Aber vielleicht fange ich einfach nur an, hysterisch zu werden. Spätestens, wenn meine Arbeit, die mir ja alltäglich zugeteilt wird, nicht erledigt würde, und das gar einige Tage lang, würde man sich wohl interessieren.

So oder so bin ich nicht der Typ, der wegen etwas erhöhter Temperatur gleich ausflippt und irgendwelchen Ärzten auf die Bude rückt. Wäre ja auch blöd, sich wegen einer simplen Erkältung den echten Corona einzufangen. Bei dem Glück, das ich habe, gehöre ich (eh schon Risikogruppe) zu den Leuten, die das echt umhaut.  Beatmungsgeräte, die da zur Anwendung kommen, sind ja doch mit diesen Schläuchen verbunden, die einem das Reden unmöglich machen. (Angesichts dessen denke ich daran, dass ich noch vor ein paar Wochen mit meiner Tochter über ihren Tätowierer sprach, weil ich in Betracht zog, mir auf den Busen „Nicht Wiederbeleben“ tätowieren zu lassen. Gilt so etwas als Krankenverfügung? , fragte ich mich schon damals. Und wie oft muss man das erneuern, sprich: ein neues Datum drunter tätowieren lassen, damit es anerkannt wird? Ein wenig Vorsicht, gesunden Lebenswandel, einschließlich Sport, vorausgesetzt, wären da – bei jährlicher Erneuerung  und durchschnittlicher Lebenserwartung – ca. 20 Datentatoos unterzubringen, die jetzt, da ich gut im Futter bin, vielleicht kein Problem darstellen, Aber wie sähe das aus, falls ich mal abnähme? )

In Wahrheit, glaube ich, ich habe da nur angerufen, weil ich neuerdings immer wieder Blogs lese, in denen die Leuts von Home-Office schreiben und vor lauter Langeweile dann ihre Bude auf Hochglanz bringen. Wie machen die das? Wenn ich arbeite, arbeite ich. Von ein paar Spinnenweben mal abgesehen.

 

Total verfrustet!

Am ersten Tag (Dienstag) frohgemut den Wecker eine Stunde später gestellt und bitter bereut. Denn da waren schon zu viele vor mir aufgestanden und wollten Home-Office.

Ich dann – knapp am Häschenschlafanzug vorbei – doch noch zur Arbeit gerannt.

Am zweiten Tag cleverer gewesen. Wecker auf halb sechs gestellt, Kiste um sechs schon angeschmissen, rödeln lassen, mich dabei aber für die Arbeit fertig gemacht. Nach üpzig Anläufen doch wieder hingegangen.

Tag 3: Noch klüger gewesen. Gleich hingegangen. Weil heute die Maps kommen sollten, mit denen angeblich alles besser gehen soll.

Sind gekommen. Und wegen der blöden Beschreibung oder aber meiner Dussligkeit habe ich als erstes meine Dienstkarte abgeschossen. Gesperrt wegen zu häufiger Falscheingabe. Mann, Mann, Mann! Wer soll denn bei so viel Gedöns wissen, was er wo wie eingeben soll?

Wenn mir nich irgendeine coole Idee kommt (und, nein, das ist bei meinem technischen Geschick eher nicht zu erwarten) brauche ich eine neue. Die ich irgendwo 80 km entfernt abholen muss. Vielleicht wollen die auch ein neues Bild, bin ja auch nicht jünger geworden in den letzten paar Jahren. Geht aber im Moment nicht, denn wenn wir nich mal in die Firma sollen, können wir keinesfalls und nie mitm Zug fahren. Und dann durch die Großstadt laufen. Mit den Tausenden von Menschen, die wat weiß ich wo gewesen sind.

Nene, das geht ja nu nich.

Aber es geht ja auch ohne Dienstkarte. So ganz oldschool mit Kennwort und so. Kann ich zwar nicht alles aufmachen, aber fast. Geht schon, wenn man gute Kollegen hat, die einem das verschlüsselte Zeugs aufmachen und unverschlüsselt weiterschicken.  Sind sowieso alles nur Wichtigtuer und Spinner, die verschlüsselt schicken.  Unter der Rubrik: Guck ma, was ich fürn Datenschützer bin! Da kannst du verpeiltes Würschtchen nich mithalten.

Heute Abend das Map-Dingens fröhlich im heimischen Arbeitszimmer ausgepackt, angeschlossen und hochgefahren. Sah erst ganz gut aus. Zeigte mir das Dienst-Outlook. Als ich aber die übrigen Anwendungen hochfahren wollte … eisiges Schweigen. Erstma. Dann: Keine Verbindung. Alles probiert. Weil … in Wahrheit komme ich mit meiner heimischen Technik ja auch zurecht. Sieht man ja hier. (Hab inzwischen das Krams abgeklemmt, mein eigenes an und schreibe einen Blog. Geht doch, denke ich da, aber warum dann nicht mit dem dussligen Dienstzeugs?)

Natürlich versuchte ich vor dem Abklemmen auch noch die zweite, eigentlich erste Variante. Immernoch überlastet. Und DANN habe ich abgeklemmt.

Und fühle mich jetzt irrwitzig verklemmt. Und frustriert.

Ich brauche Trost. Märchen fallen mir ein. Was nochmal brachte Rotkäppchen ihrer Großmutter? Kuchen und Wein? Gute Idee!

Da steht noch ne offene Flasche Rotwein im Getränke-Kühlschrank. Und in der Küche, irgendwo beim Brot, liegen noch so Miniküchlein. Her damit!

Und nebenher läuft der Tatortreiniger, der heute in einer Gemäldegalerie erstaunliche Erkenntnisse sammelt. Die mich lachen machen. Laut und herzhaft. Weil ich all das nur zu gut kenne. (Wie der Wert von Kunst entsteht und all das.)

Und weil man nach dem Essen rauchen muss, stehe ich irgendwann am Küchenbalkon. Und rauche. Mache dann 20 angetäuschte Halb-Liegestütze an der Balkonbalustrade. (Fit ohne Geräte!) Sehe den Nachbarn, der seine Frau vom abendlichen Gaststätten-Job (sehr viel früher als sonst) abgeholt hat. Und ein kleiner witziger Hund rennt ihnen hinterher, als wollte er mit ihnen nach Hause gehen. Und wir alle lachen.

Und irgendwie ist alles nicht mehr so schlimm.

Gehe ich halt morgen wieder hin.

Irgendwie, denke ich mir, macht dieser ganze Risikogruppen-Scheiß ja nun auch keinen Sinn, wenn es mit dem Zu-Hause-Arbeiten ums Verrecken nicht funktionieren will.

Aber darüber denke ich morgen nach.

Wie steht es auf diesen Postbenachrichtigungen immer?: „Heute jedoch nicht.“

 

 

Schritte oder Sah ein Knab ein Röslein stehn

Tag 2 des verordneten Homeoffice, das mangels Zugriff auf das Firmensystem dann letztlich doch im Betrieb endet.

Weder auf dem Weg dorthin, noch dort fühle ich mich in Gefahr, auch wenn ich in zunehmendem Maße die Leute von Erkältungssymptomen berichten höre. Alle sind ein bisschen panisch und beobachten sich selbst genauer als sonst. Dabei sind die Straßen leer gefegt und der empfohlene Mindestabstand wird locker verzwanzigfacht. Allenfalls beim Einkaufen kommen einem die Menschen etwas näher.

Sohni berichtete heute von einer Mit-Einkäuferin, die sich empörte, er möge doch etwas zurücktreten. Sie trug, erzählte er, beim Bezahlen auch Einweghandschuhe.  Naja.

Ich währenddessen bin froh, meine Schrittbilanz noch etwas erhöhen zu können. Sind wir erst nach Hause verbannt, werde ich vermutlich nur wenige Hundert zusammen bekommen. Im Moment sind es, was auch nicht optimal ist, immerhin 5000.

Mir fällt diese Sci-Fi-Geschichte ein, in der die Leute sich ihren Lebensunterhalt damit verdienen, Stunden auf dem Fitness-Rad zuzubringen, um Energie zu erzeugen. Den Rest machen sie gut, indem sie in ihren 3x3x3 m großen Wohnkuben auf Riesen-Bildschirmwänden unsägliche Reklame vorgespielt bekommen, die sich nur gegen Zahlung der mühsam erstrampelten Punkte abstellen lässt.

Was also tun, wenn man plötzlich so eingeschränkt ist? Böse Zungen behaupten, bald käme die totale Ausgangssperre und man dürfe nur noch raus unter Vorlage irgendwelcher Dringlichkeitsnachweise.

Im Moment sieht es noch nicht danach aus. Wenn auch für mich unverständlich, sah ich heute jede Menge Familien, die sich aufführten wie in den Ferien. Die Kinder sprangen im Pulk durcheinander. Wiewohl ich mir vorstellen kann, dass es mühselig ist, die Kleinen daheim still zu halten, denke ich mir, dass die Schließung der Schulen und Kitas eher nicht diesen Zweck hatte.

Und ich, wieder gedanklich beim Homeoffice zurück, sortiere meine Zubehör.

Da ist das Laufband (manuell: Man treibt es an durchs Laufen, was weitaus anstrengender ist als die elektrischen, die einen antreiben und nicht andersrum.).

Und da ist das Rad, an dem ich erst neulich die Batterien für die Anzeige austauschte.

Obendrein noch der Punchingball.

Den Futon nutzte ich neulich als Gymnastikmatte. Geht gut, besonders bei alten Knochen.

Aber auch ohne das kullert irgendwo noch das Buch von diesem Army-Menschen herum: Fit ohne Geräte. Erstaunlich, was man alles mit Türrahmen und Co. anfangen kann.

Imgrunde bin ich also bestens gerüstet und ganz und gar nicht gezwungen, still zu halten.

Aber … ich kenne mich, stattdessen werde ich versuchen beim 3D-Mahjong das Level 13 zu knacken. Und zwischendurch, wie heute Nachmittag, auf dem West-Balkon sitzen, in den Himmel schauen und zum tausendsten Mal dem Glockenspiel der Evangelen lauschen. Fünf nach halb Vier spielen sie „Sah ein Knab ein Röslein stehen“. Im Hinterkopf hörte ich Ria K., den Star unseres Kinderchors, die das als Barockfassung singen konnte. All die verschnörkelten Töne ohne einen einzigen Krächzer. Die Chorleiterin Frau T. predigte geradezu, dass wir beim Singen die Töne nicht hochziehen, sondern vom oben aufsetzen sollten. (Ich habe das noch heute im Ohr, wenn ich bei klassischen Sängern zuweilen dieses Gekrächze höre. Und frage mich dann, was die nur für Gesangslehrer hatten.)

Meine Schwester, die in jungen Jahren Schlagersängerin werden wollte, nahm damals Gesangsunterricht. Den gabs zu dieser Zeit nur klassisch. Und manchmal, zu Hause, sang sie dann wie eine Opern-Diva. Ein bisschen habe ich mir davon abgeschaut. Und wenn aus Nachbars-Wohnungen allzu großer Krach ertönt, wehre ich mich mit Opern-Getöse, das erstaunlicherweise tatsächlich hilft. Meine klaren, aber nicht zuordenbaren (weil spinnerten) Gesänge machen den Leuten rundum klar, dass sie ebenso wenig allein sind auf der Welt wie ich das bin. Aber ich mache mir bezüglich meiner Fähigkeiten nichts vor. Meine stimmliche Spannweite ist nicht sonderlich groß. Und so bleibt das nurmehr eine Methode zum Quälen der Nachbarschaft (gegen die man nichts haben kann), nicht jedoch etwas, womit ich Balkonkonzerte halten könnte.

Außerdem verbraucht es sicherlich nur wenig Kalorien.

so halt

manchmal, denke ich, ein wenig weniger kopflastiger wäre nicht schlecht. einfach nicht nachdenken, sondern fühlen. und das am besten laut, mit jeder menge sich poetisch gebender phrasen aus kitschromanen auf den lippen. es können auch kalendersprüche sein. mit so etwas kommt man ganz gut durchs leben, denke ich dann. und mehr braucht es gar nicht.

vielmehr scheint mehr allzu oft von wenig nutzen. denn diffenziertes denken, dieses „ja, aber …“, das den standpunkt des anderen, vielleicht nicht so guten, mit einbezieht, wird einem schon angelastet. und bei dem, was für gut und richtig erkannt wird, so rein konsensmäßig, geht es nicht um das, was wir alle selbst denken und tun, sondern um das, was wir glauben, die anderen erwarten es von uns.
politisches korrektsein für den hausgebrauch.

denn wir wissen ja schon, was allgemein für gut und richtig erkannt wird. am ende kommt dabei so ein moralischer einheitsbrei heraus, bei dem keiner kinder schlägt, steuern hinterzieht, schlecht über ausländer redet undsofort. was jeden von diesen keiners in die lage versetzt, klagend den finger gegen jene zu erheben, die solches tun.

sind wir ehrlich zu uns selbst (ich selbst übe mich darin schon lange), kommt dabei heraus, dass uns bei den kindern schon mal die hand ausrutschte (was besser war als ein verkehrsunfall oder eine schwere verbrennung), wir bei der steuer die anzahl der fahrkilometer gerade so großzügig bemaßen, dass es noch glaubhaft klang, und dass wir den türken aus dem nachbarhaus ganz schrecklich wasauchimmer finden. (was natürlich nicht an seiner herkunft, sondern an seinem schlechtem benehmen liegt. … aber vielleicht ergibt die sich gerade aus der herkunft?)
——

ich jedenfalls weiß, warum ich mich so ungern im menschenpulk bewege. dieses allgemein-gebrabbel strengt mich unheimlich an. ob schwangeren-gymnastik, krabbelgruppe, elternkrams. ich versagte mich, weil ich es stets anstrengend und ermüdend fand, die immer gleichen probleme, argumente usf. unentwegt wiederzukäuen. wie mir auch diese freundlichen lügen, dass ich menschen nett finde, verstehen und mit ihnen fühlen kann, ums verrecken nicht über die lippen gehen.
ich finde nur nett, wen ich lange und gut genug kenne. das muss schon durch einige feuer gehen, ehe ich solche bekenntnisse abliefere. und ich fühle wohl mit, verstehe aber so manche selbst gemachte problemlage nicht. mir kann nicht leid tun, wer immer wieder in der gleichen sch… landet, ohne etwas zu lernen. und sowieso hilft den meisten mein mitgefühl nicht. ein kräftiges anpacken ist da oft hilfreicher.

manchmal, denke ich, ich hätte andere berufe haben sollen. weniger kopflastige. weniger analytische. weniger sachliche.
ich hätte so einen richtigen frauenberuf haben sollen. kindergärtnerin, friseurin, krankenschwester oder so. aber ich hab weder viel mit fremden kindern am hut, noch mit anderer leute frisuren oder schmerzen. ich kann nur erziehen, haare schneiden oder pflegen, wenn es was mit meiner familie zu tun hat.
und manchmal, immer öfter, denke ich: pfeif drauf, das bin nun mal ich. keine massenware halt. aber muss ja auch nich.

 

grünzeug

„Die Nudelregale sind leer!

… Was ist denn hier los?“,

hörte ich heute aus Italien.

AAAber … nicht nur Italien.

Warum, frage ich mich, meinen die Menschen, offenbar vom Virus animiert, dass Nudeln einen vorm Verhungern retten?

Tatsächlich, so stellte ich heute fest, sind auch hier die Nudelregale leer.  Ich selbst, die ich nicht im Mindesten hysterisch reagiere (aber das ist wohl dem Umstand geschuldet, dass ich eh zum Fatalismus neige), würde eher, wenn denn überhaupt, irgendwelche Konserven raffen und, weil es sich ja um eine Grippe-ähnliche Erkrankung handelt (Mortalitätsrate 10 bis 15 Prozent), dazu neigen, Taschentücher und Wasser (aber zur Not gibt’s das auch aus der Leitung) zu stapeln.

Wer sich fiebrig Scheißendreck fühlt, kocht doch keine Nudeln.

Der Mensch, denke ich, ist nicht nur ein kompliziertes, sondern ein zuweilen höchst nicht-rationales Geschöpf.

Und hoffe, dass alles glimpflich an uns vorüber geht.

Meine Kollegin berichtet, dass die Mitmutter, die üblicherweise für die Fußballjungs Kuchen backt, schon keinen Zucker und kein Mehl mehr kaufen konnte. Und ich weise darauf hin, dass es womöglich ohnehin nicht zweckmäßig ist, Esswaren aus nur bedingt bekannter Herkunft zu sich zu nehmen. Eigentlich nur aus Spaß. Dennoch geht sie, ehe sie ihren mitgebrachten, höchstselbst eingepackten Apfel zu sich nimmt, und wäscht sich die Hände.

Mein anderer Kollege, von seiner Erkältung noch hustend und niesend, erzählt mir, dass er im Netz las, das sei die natürliche Gegenwehr. Früher habe es Kriege und die Pest gegeben. Und man stelle sich nur vor, alle Menschen, die im 2.Weltkrieg getötet worden seien, würden überlebt haben und hätten Nachfahren. Die Welt wäre zu voll. (Und dabei, weil er so jung ist, kennt er die Folgen der spanischen Grippe 1918 bis 1920 nicht. Mindestens 25 Millionen, laut anderer Quellen sogar 50 Millionen, starben.) Ich derweil, die ich am Wochenende einen Bericht über sinnlose Lebensmittelvernichtung sah (Mindesthaltbarkeit,  „unschönes“ Obst und Gemüse) weiß, dass wir im Grunde 11 Milliarden Menschen ernähren könnten, wenn wir achtsamer mit allem umgingen.

Während ich ob all dieser Absurdität inwendig den Kopf schüttele, erhält meine Kollegin einen Anruf der Chefin, die nachfragt, ob sie, wenn es denn nötig wäre, die Möglichkeit habe, von zu Hause zu arbeiten. Natürlich haben die meisten heute einen PC , aber wild darauf ist meine Kollegin nicht. Sie würde gern Arbeit und Privates getrennt halten. Reden wir jetzt schon von Erhebungen für eine Quarantäne?