Schnecke!

Wir sind alle ja so vernünftig!

Wir reduzieren Fleisch oder lassen es ganz weg. (Wurst ist kein Fleisch!)

Wir reduzieren Zucker. (Kann man den ganz weg lassen? Ich denke: Nein!)

Wir rauchen nicht (mehr). (Ich wusste, dass ich nicht zum WIR gehöre.)

Wir kiffen nicht (mehr). (Ich bin eh immer nur eingeschlafen.)

Wir saufen … Alkohol ist doch eigentlich total vegan. Oder?

Whatever.

Es fing am Mittwoch an, glaube ich, da hatte ich kurz vorm Aufwachen einen Traum, der mich glücklich in den Tag entließ. Kennen Sie das? Sie werden wach, haben den Traum noch in den Knochen und wissen: Das wird ein guter Tag.

Wurde es auch.

Nein, es war kein Sextraum. Vermutlich bin ich simpler gestrickt.

Ich träumte (und dass ich den Traum nicht vergessen habe, sagt einiges aus) von so einer Art Konditorei. Zuerst sah sie aus wie eine Galerie. Ziemlich leer und nur auserlesenes Publikum. Aber dann kamen diese kleinen niedlichen Asiatinnen, die irgendwelche Kunststücke machten und am Ende hielt man tatsächlich so ein in durchsichtige Folie geschlagenes Kunstwerk in der Hand. Während des Prozesses jedoch langten alle Besucher, Käufer oder wie auch immer man die Kunden dort nannte, nach Krümeln, die abstanden, abfielen oder so. Es schien zur Prozedur dazu zu gehören.

So glücklich mich dieser Traum auch machte, und zwar den ganzen Tag lang, so klar wurde mir aber auch, wie ewig lange ich schon keinerlei Konditorenkunst mehr zu mir genommen hatte. Ich fragte mich sogar, ob es überhaupt noch Konditoren gibt. (Ja, natürlich, keine fünf Kilometer entfernt ist einer, der sogar Preise eingeheimst hat.) Und dennoch ist das nicht das Gleiche. Denn früher, erinnere ich mich, war fast an jeder Ecke ein Bäcker. Der auch Torten machen konnte. Da, schien es, unterschied man gar nicht. Überall lächelten einen fette Torten an. Und man selbst lächelte, ohne jegliche Bedenken, zurück. Erstaunlicherweise waren wir damals weder fetter noch kränker als heute.

Weil wir es nicht täglich taten, wie wir auch nicht täglich Fleisch aßen oder Eier oder Käse oderoderoder.

Man könnte sich fragen, wie wir überlebt haben. Schlank jedenfalls. Und ziemlich gesund. Und ziemlich bewegt, denn wir fuhren nicht jeden Meter mit dem Auto.

Jugendliche Schlaumeier wollen uns heute erzählen, wie wir uns zu verhalten haben. Was reichlich lächerlich ist, weil wir das wissen. Ganz ohne Jogging und Fitness-Studio schafften wir Kalorien weg. Jeden Tag drei Eimer Kohlen in den dritten Stock hoch schleppen; jeden Tag eine Stunde Arbeitsweg per pedes, bei dem wir die zwei Kinder im Hort und der Kita abluden. (Abends das Gleiche rückwärts.) Uswusf.

Angesichts solcherart Gedanken hatte ich heute beim Wochenendeinkauf keinerlei schlechtes Gewissen, als ich im Gebäckregal nach einer von diesen klebrigen Rosinen-, nein, Nussschnecken griff, die ich inzwischen zur Hälfte abgewickelt habe. Zwar hasse ich dieses klebrige Gedöns (Mein Sohn ist mein Sohn, stellte ich dabei fest. Er liebte zwar Marmeladenbrötchen, ließ sich dabei jedoch bis er vier war, obwohl er alles andere längst selbst aß, füttern, weil er die klebrigen Finger hasste.), aber die Gier ist größer. Und, ja, da ist ja der Wasserhahn, mit dem man den Bapp abspülen kann.

Schlechtes Gewissen: Niente!

All diese Spielregeln taugen nichts, wenn man nicht dahinter steht. Und wahrscheinlich wäre fette Torte (wie im Traum) sehr viel kalorienlastiger.

9 Gedanken zu “Schnecke!

  1. Ich war heute Nachmittag seit langem wieder einmal mit meinen Eltern in einem Café und habe ein Stück Torte gegessen. Mir ist ein bisschen übel, weil ich Torte eigentlich nicht mag und beim Lesen deines Textes kam mir der Gedanke dass eine Nussschnecke viel besser gewesen wäre. 🙂

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  2. Ein Text, der uns zum Schmunzeln verführt hat. Toll 👍 Allerdings ist Süßes nicht unser Fall. Wir hatten in unserer Familie einen kinderlieben Süßwarengroßhändler und wurden zu Süßigkeiten genötigt. Uns verführt anderes, über das wir hier lieber nicht schreiben 😉
    Liebe Grüße vom sonnigen Meer
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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  3. Alkohol vegan? Nun, wer denkt, dass vegan gesund ist: bitte, hier der Gegenbeweis. Oder ist es vielmehr so, dass im besten Wein fröhlich eine Reblaus schwimmt, dass sehr oft eben doch sich ein tierisches Protein reinverirrt, fast so, wie der ganze Kunststoff ja letztlich aus uralten Lebewesen besteht, schon lange tot, sicher, aber einst eben Pflanzen und – Tier?

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      • Der Wurm, eine Raupe, wohnt im Apfel. Und andere Tiere in anderen Früchten, im Getreide, überall… nur die Hefe, das ist tatsächlich ein Pilz (kleiner Hinweis für Vegetarier: Pilze sind keine Pflanzen und tatsächlich Tieren näher verwandt als Pflanzen.).
        Es ist nicht leicht, ein netter Mensch zu sein: selbst der indische Fakir, der seinen Weg kehrt, damit er auf nichts tritt, kein Lebewesen verletzt: sein Besen wird manche Spinne, manches Insekt verletzen, töten gar, obwohl er das nicht wollte…

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