Sprachengewirr

Als ich 15 war, fing mein Vater an, mit mir polnisch zu sprechen. Was mehr als eine Kleinigkeit zu spät war.

Zum Einen, weil Pubertäre eh nie tun, was man von ihnen verlangt, zum Anderen, weil eben kleine Kinder viel leichter Sprachen lernen.

Tja, Chance verpasst.

Dabei hätte er es besser wissen müssen. In Oberschlesien aufgewachsen, war er selbst von vornherein dreisprachig (Deutsch, Polnisch, Schlesisch), was ihm später nicht nur weiteren Spracherwerb, sondern auch manche Lebenslage erleichterte. Ich schätze, man (ent)kommt ohne halbwegs relevante Sprachkenntnisse nicht russischer Kriegsgefangenschaft, ohne entdeckt zu werden.

Zwar ist jetzt Polnisch nicht die allerschönste und auch nicht die weltmännischste Sprache. Aber darauf kommt es nicht an. Hat man erst einmal eine Fremdsprache im Repertoire, fallen die nächsten zwei, drei und so fort gar nicht mehr ganz so schwer. Und DAS ist dann weltmännisch.

Gleichwohl … gerade eben sehe ich einen polnischen Film (Vater fände es total prima, das im Original zu hören, genau so wie er damals Stanislaw Lem im Original las.) und klebe seit einer halben Stunde an den Untertiteln. Aber das Ohr ist ja deswegen nicht abgeschaltet. Ich höre mich wieder ein, erkenne mehr und mehr Floskeln, die längst vergessen schienen und vielleicht …

Es ist wie damals auf diesem Marktplatz am Balaton. Ein bisschen fühlte es sich an wie ein Nachhausekommen; fast alle Ferien der Kindheit hatte ich dort verbracht. Und plötzlich hatte ich nicht nur dieses bekannte Gefühl, sondern ich verstand. Mehr und mehr.

Das, denke ich mir, waren schließlich nur Ferien und eine Marotte meines Vaters. Wenn ich woanders leben würde, könnte es mir nicht passieren, dass ich Jahre und Jahrzehnte weiter in meiner Sprache bleibe. Das ist vielleicht ein Erbe meines Vaters, denke ich mir, der immer offen für weitere Sprachen war.

2 Gedanken zu “Sprachengewirr

  1. Am Balaton, nun ja. Dort kommt man (außer mit einem seltsam betonten deutsch) wohl mit ungarisch am Weitesten. Und ein Herr Kishon, immerhin dort, in Ungarn, gebürtig, sagte einmal, dass das eine so schwierige Sprache sei, dass sie niemand könne, auch nicht die Ungarn. Da ist also selbst mit polnisch nicht viel zu wollen…
    Aber der Rest stimmt natürlich, wer Fremdsprachen kann, hat einen Riesenvorteil, kann sich ganz anders in andere Lebenswelten, Kulturen einfinden und schlichtweg unterhalten oder ein Schnitzel bestellen. Oder einen Gin Tonic. Oder was auch immer.
    Und die Schönheit slawischer Sprachen mag ich nicht beurteilen, freilich, ich würde beim Versuch, sie zu sprechen, einen Knoten in die Zunge bekommen. Aber nicht zuletzt haben gerade auch die Polen oder beispielsweise auch die Tschechen eine reiche Literatur – die wir freilich nur in Übersetzungen verstehen. Und ich habe bei der einzigen Fremdsprache, die ich halbwegs kann, englisch, schon öfters bemerkt, dass bei diesen Übersetzungen viel verloren geht. Aus England freilich ist auch dieser Film (ein Fisch namens Wanda) der die Schönheit der russischen Sprache preist.

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