Der Grußweg

Neulich, im Netz, begegnete mir ein Saarländer, der stur darauf beharrte, dass Menschen – egal, wo auch immer – sich jedenfalls zu grüßen hätten, immer. Alles andere wäre unhöflich bis ignorant.

Ich, so als geborener Großstädter, sah und sehe das anders. Weil man in einer Stadt mit Hunderttausenden von Einwohner am Ende eines Tages Fusseln am Mund hätte, ohne etwas wirklich Substanzielles gesagt zu haben. Zudem würde es die Mehrzahl der Mitmenschen in so einer Großstadt überhaupt nicht begreifen, von irgendwem gegrüßt zu werden. Man stürzte sie womöglich in totale Verwirrung, weil sie mindestens bis zum Ende dieses Tages überlegt haben würden, WER denn nun dieser Grüßotto gewesen sei und ob man irgendwen wichtiges vergessen habe.

Eine andere Kommentatorin im gleichen Strang erwiderte dann auch prompt, dass sie ihm – dem Grüßotto – viel Glück in Berlin wünsche, was nicht nur eine Großstadt ist, sondern bekanntermaßen auch eine, von der man weiß, dass die Einheimischen dort nicht gerade jeden Morgen ein Glas Höflichkeit trinken.

Seit ich auf dem Land wohne, weiß ich, dass sich da durchaus Menschen grüßen, die man nicht kennt. Obwohl es nach meiner Beobachtung in den letzten zwei Jahrzehnten auch damit nachgelassen hat. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich vom Landleben einen anderen Begriff habe als andere. Schließlich wohne ich in einer Kreisstadt, was ja irgendwie auch Stadt ist.

So oder so. Jedenfalls bin ich in den Jahrzehnten, die ich bereits hier verbringe, flexibel geworden, was mir mein inzwischen erreichtes Alter erleichtert. Denn ich gehöre zu jenen, die mit nur wenigen Ausnahmen zuerst gegrüßt werden. Also grüße ich zurück, wenn mich jemand grüßt, auch wenn ich ihn nicht kenne, und mache mir nur wenig Gedanken darüber, OB ich ich kenne.

Bemerkenswert aber finde ich, dass ich auf jenem Weg an unserem Minifluss, wenn ich ihn denn morgens nutze, um irgendwie auf mein Schrittpensum zu kommen, so viele Leute treffe, die mich mit solcher Selbstverständlichkeit grüßen, als hätten wir ein Einvernehmen, dass morgens hier zu gehen uns als eingeschworene Gemeinschaft kennzeichnet.

Als ich zum ersten Mal hier ging, dachte ich, es läge daran, dass so viele Hundebesitzer darunter sind. Was nicht wirklich eine Erklärung war, denn ich selbst gehe ohne Hund. Aber dann grüßten auch die Radfahrer und wer auch immer.

Es scheint, als würden diesen Weg alle benutzen, die frühmorgens irgendeine PFLICHT erfüllen und sich darin einig sind. Und weil sie das sind, herrscht zwischen ihnen großes Einvernehmen bis Zuneigung oder so.

Beinahe hätte ich diesen Gedanken vertieft, wäre da nicht dieses Paar gewesen, in zwei Metern Abstand voneinander gehend, von dem ER mich grüßte und SIE mich böse ansah.

Noch mehr verwirrt wurde ich, als ich das Paar auf dem Rückweg wieder traf. Diesmal saßen sie auf einer Bank. Er grüßte mich mit etwas Verzögerung ein zweites Mal. Und ich, die ich nicht mit einem zweiten Gruß gerechnet hatte, grüßte etwas vernuschelt zurück, was ihn zu einer unnetten Bemerkung veranlasste.

Was mich allerdings am Grußweg nicht zweifeln lässt. Ich werde noch ergründen, WAS genau diesen Grußweg ausmacht. Und irgendwann werde ich wissen, warum das dort so ist und nirgendwo anders.

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