Das Schweigen der Elstern

Seit Jahren wohnt hier in der Nähe ein Elsternpaar, das sich durch die bekannte Eigenschaft auszeichnete, stets sehr viel Lärm zu veranstalten. Schaute der Beobachter nach, was denn nun die Vögel so aufregt, fand man als Erklärung … genau nichts. Elstern waren halt so, laut, und zwar besonders am Morgen im Sommer, wenn man gerne noch ein wenig geschlafen hätte.

Seit einiger Zeit (und damit meine ich nicht erst dieses Jahr) jedoch hört man sie nicht mehr. Fast dachte ich, sie wären umgezogen. Weil spätestens seit Pittiplatsch, Schnatterinchen, Herrn Fuchs und Frau Elster* WEISS man doch, dass Elstern laut sind und unentwegt und meistens grundlos geckern.

Und doch sah ich sie, die nach meiner Erfahrung stets paarweise auftreten, damit sie auch Publikum bzw. einen Ansprechpartner haben, in diesem Jahr häufig in der Nähe. Auf eine merkwürdige Weise still geworden. Sie benahmen sich unauffälliger als beinahe alle anderen Vögel. Und ich verstand nicht, warum.

Inzwischen jedoch erfuhr ich, dass Raben und Elstern sich nicht wirklich gut vertragen. Sie fressen das Gleiche, sind also Konkurrenten, und rauben sich gegenseitig gern die Nester aus.

Da nun seit ungefähr der gleichen Zeit, dass die Elstern schweigsam wurden, sich in unmittelbarer Nähe ein Rabenschwarm in einem abgestorbenen Baum eingenistet hat, schließe ich, dass beides miteinander in Zusammenhang steht.

Tatsächlich tut jener, dessen Feind in der Nähe wohnt, gut daran, nicht allzu sehr auf sich aufmerksam zu machen. Besonders dann nicht, wenn dieser Feind dazu neigt, den eigenen Kindern zu schaden.

Man könnte es an dieser Stelle gut sein lassen mit den tief schürfenden Gedanken, wären da nicht jene Vogeleltern, denen jeder schon im Wald begegnet ist. Sie zeigen sich selten zutraulich, hüpfen auf dem Weg vor einem herum, geben sich gar flügellahm, sind aber nie so schwach, dass man allzu nah an sie heran kommt. Immer sind sie ein paar wenige Meter vor einem, haben es geradezu darauf angelegt, auf sich aufmerksam zu machen. Und fliegen dann, wenn sie einen erfolgreich von ihrem Nest weg geführt haben, auf, als wäre nichts gewesen.


Neulich las ich, dass Lehrer in der Schule (gerne bei den Kleinen) schon einmal altbekannte Kinderbücher beim Vorlesen „entschärfen“, wenn Eltern sich beklagen, dass die Texte zu grausam seien. Egal, ob es sich um die der Grimms oder von Wolkow** handelt.

Nun frage ich mich, welche Eltern ihren Kindern den größeren Gefallen tun. Jene, die in großes Geschrei ausbrechen, um ihre Brut zu schützen, oder die, welche auf die eine oder andere Weise das ihnen als Problem erscheinende Thema unauffällig lösen.

*https://de.wikipedia.org/wiki/Herr_Fuchs_und_Frau_Elster

**https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zauberer_der_Smaragdenstadt

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3 Gedanken zu “Das Schweigen der Elstern

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