Atemlos

Wir reden, schreiben und denken in den letzten Jahren so viel über Emanzipation, wir glauben, dass wir ihr ein gehöriges Stück näher gekommen sind. Und manchmal, gerne von Männern, kommt der Gedanke, wir Frauen würden es inzwischen übertreiben. Es sei doch alles in Ordnung.

Wir verdienen gleich viel für die gleiche Arbeit. Und wenn wir weniger verdienen, liegt es daran, dass wir uns halt zu sehr bescheiden, schlecht bezahlte Berufe wählen, nur in Teilzeit arbeiten oder aber nicht gut verhandeln können.

Dass es beileibe nicht so einfach ist, wurde mir neulich bewusst.

Ich sah „Proxima – Die Astronautin“, weil ich mich für Raumfahrt und das Weltall interessiere. Umso tiefer traf es mich, dass es ganz und gar nicht darum ging (der gesamte Film spielt auf der Erde), sondern darum, wie Frauen, die nach großen Zielen streben, am Ende doch auf die Grenzen ihrer Biologie zurück geworfen werden: Wie erkläre ich meiner siebenjährigen Tochter, die ich gerade für ein Jahr zu verlassen mich anschicke, dass ich sie dennoch liebe, dass es wichtig ist, was ich tue, und ein Privileg für mich als Frau (nur zehn Prozent all derer, die im Weltall waren, waren Frauen)?

Und wie komme ich selbst, so als Mutter, mit dieser Sache zurecht?

Böse Zungen behaupten, wenn ich große Karriereinteressen habe, so als Frau, sollte ich darüber nachdenken, ob ich wirklich auch Kinder haben will. Das geht nicht zusammen, meinen sie.

Andere wieder sagen, Deutschland (wahlweise: die westliche Welt) stirbt aus, weil die Frauen keine Kinder mehr kriegen (wollen). Sie würden schon wollen, denke ich, machte man es ihnen nicht so verdammt schwer.

Ich selbst, erinnere ich mich, tat um des beruflichen Fortkommens Willen Dinge, die ich heute zutiefst bereue, obwohl sie keine wirklichen Schäden beim Nachwuchs hinterließen.

Und dann lese ich in den Medien, wie man über Frau Spiegel urteilt.

Es sei dahin gestellt, ob und wie kompetent sie gewesen und wie richtig ihr Rücktritt war. Für mich jedenfalls stellt sich die Frage, ob die Häme, mit der man die Unmöglichkeit des Zusammengehens von politischer Karriere und Familie für eine Frau kommentierte, nicht nur unzeitgemäß, sondern auch erschreckend war.

Nicht zu Unrecht wurde in den Medien gefragt, ob man einem Mann die gleichen falschen Entscheidungen genauso angelastet hätte. Oder hätte er sie einfach nicht getroffen, weil daheim weibliches Personal sich um die Kinder kümmert und nach der Frau schaut?

Gar nicht zu reden davon, dass die (männlichen) Politiker der Neuzeit insgesamt beileibe nicht mehr so schnell zurück treten, seien ihre Vergehen so schwerwiegend auch immer.

Wider all anderslautenden Töne, meine ich, liegt noch ein längerer Weg vor uns als wir glauben.

2 Gedanken zu “Atemlos

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